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Re: Übersetzung: The Truth Rundown in Deutsch
Scientology: Der echte Rundown, Teil 1 von 3 eines Sonderreports über die „Scientology-Kirche“
Von: Joe Childs und Thomas C. Tobin, St. Petersburg Times Gedruckt: Sonntag, 21.06.2009 [Englisches Original: http://www.tampabay.com/news/article1012148.ece] Mit einem Rekorder und einer Ankündigung kam der Führer von Scientology in den Raum gerannt: Zeit für das Spiel „Reise nach Jerusalem“. David Miscavige hatte mehr als dreißig Mitglieder des Führungspersonals der „Kirche“ für Wochen in einem kleinen Bürogebäude außerhalb von Los Angeles zusammengepfercht, das sie nur verlassen durften, um schnell unter die Dusche zu springen. Sie schliefen auf dem Boden, das Essen wurde geliefert. Ihre Aufgabe war es, strategische Pläne für die „Kirche“ zu erarbeiten. Aber ihr Führer verwarf jede ihrer Ideen, bezeichnete sie als inkompetent und als Feinde, Feind von ihm und Feinde der „Kirche“. Beweise deine Hingabe, sagte ihnen Miscave, indem du dieses Spiel gewinnst. Alle andere – Verlierer, ihr alle – werden auf Scientology-Außenposten über die ganze Welt verstreut. Wenn dabei Familien auseinander gerissen werden, passiert das halt. Zu Bohemian Rhapsody von Queen spielten sie die ganze Nach hindurch, rannten in ihren marinemäßigen Uniformen durch den Konferenzraum, erwachsene Männer und Frauen, die sich um Stühle prügelten. Am nächsten Abend, zu Beginn des Jahres 2004, versammelte Miscavige die Gruppen und begann aus heiterem Himmel einen Manager namens Tom De Vocht zu schlagen, ihn auf den Boden zu werfen und dort weiter zu ihn einzutreten. De Vocht nahm die Schläge und Demütigungen schweigend hin – genauso, wie andere Manager die Angriffe ihres Führers immer hinnahmen. Diese Aussagen stammen von Personen, welche für Jahrzehnte Schlüsselfiguren in Scientologies machtvollem innerem Zirkel waren. Marty Rathburn und Mike Rinder, zwei ehemals höchstrangige Führungskräfte, welche die „Kirche“ verlassen haben, sprechen das nun erste Mal offen über ihre Erfahrungen. Zwei weitere ehemalige Führungskräfte stimmten ebenfalls einem Interview mit der St. Petersburg Times zu: De Vocht, der für Jahre das spirituelle Zentrum der „Kirche“ in Clearwater, Florida leitete und Amy Scobee, die dazu beitrug, dass Celebrity-Netzwerk von Scientology aufzubauen, welches heute solche Personen wie John Travolta und Tom Cruise umfasst. Einer nach dem anderen haben die vier Aussteiger das einzige Leben verlassen, dass sie bis dahin kannten. Das Rathbun und Rinder sich jetzt äußern, ist eine herausragende Wende, weil sie Miscavige's nächste Vertraute waren, der Haldeman und der Ehrlichman ihres Nixons. [Harry Robbins Haldeman = Stabschef von Nixon, John Ehrlichman = Berater für innere Angelegenheiten.] Nun geben sie einen bislang nicht gekannten Einblick in die oberen Führungsschichten der streng kontrollierten Organisation. Dieser dokumentiert: - Physische Gewalt, welche das internationale Management von Scientology prägt. Miscavige gibt dieses Ton vor, indem er alltäglich seine Untergeben attackiert. Rinder berichtet, dass Miscavige ihn ungefähr 50 Mal angegriffen hätte. Rathbun, Rinder und De Vocht geben zu, ebenfalls Kollegen attackiert zu haben, um ihre Loyalität zu Miscavige und ihr Stehvermögen unter Beweis zu stellen. - Angestellte werden durch ein mehrschichtiges System „kirchlicher Strafsprechung“ diszipliniert und kontrolliert. Dieses beinhaltet das öffentliche Bekennen von „Sünden“ und „Verbrechen“ vor der Gruppe, die Anweisung, angezogen in einen Swimmingpool zu springen, die Aussicht, peinlichst genauen „Sicherheitschecks“ unterzogen zu werden und, schlimmstenfalls, als „Suppressive Person“ [„unterdrückerische Person“] isoliert zu werden. An der höchsten Spitze der Hierarchie vereinigt Miscavige eine solche Macht, dass Manager wie Lemminge jeden seiner Befehle folgen, egal wie bizarr. - Angestellte von Scientology vertuschten, wie stümperhaft sie sich um die Gesundheit von Lisa McPherson kümmerten, einer Scientologin, die nach 17 Tagen Isolation im Fort Harrison Hotel in Clearwater, Florida starb. Rathbun, der von Miscavige beauftragt wurde, den Fall von Lisa McPherson zu handhaben, räumt ein, die Vernichtung von belastendem Beweismaterial angeordnet zu haben. Rathbun und andere geben zudem an, dass Miscavige eine peinlich Fehleinschätzung im Rahmen der Betreuung von McPhersons Scientology ablieferte. - Mit Miscavige als Stichwortgeber und Rathbun an seiner Seite, schaffte es die „Kirche“ die US-amerikanische Steuerbehörde dazu zu bringen, Scientology einen besonderen Steuerstatus einzuräumen. Jetzt bietet sich durch Rathbun ein neuer Blick auf eine der Sternstunden von Scientology und in Details einer außerordentlichen Kampagne, welche mit tausenden Gerichtsverfahren einen öffentlichen Druck erzeugte. - Um den Gewinn zu steigern, hat sich Miscavige an Langzeit-Mitglieder gewandt und sie dazu gebracht, neuaufgelegte Schriften nochmal zu kaufen. Beauftragte der „Kirche“ verneinen diese Vorwürfe. Miscavige hätte, so behaupten sie, niemals einen einzigen Angestellter der „Kirche“ geschlagen. Am 13. Mai fragte die Times bei Miscavige nach einem Interview, persönlich oder per Telefon, an, und wiederholte die Anfrage innerhalb der nächsten fünf Wochen beständig. Die „Kirche“ behauptete, dass Miscavige's Terminplan kein Interview vor Juli zulassen würde. Am 21. Juni, morgens um halb sechs, mailte Miscavige der Times, um gegen die Entscheidung der Zeitung zu protestieren, ihre Geschichte an diesem Tag zu veröffentlichen und nicht zu warten, bis er verfügbar sei. In seinem Brief behauptete er, dass er Informationen beibringen könne, welche die „Glaubwürdigkeit [der Überläufer] vernichten“ würde. Verehrt von [angeblich] Millionen Scientologen, behaupteten Pressesprecher der „Kirche“, hätte Miscavige diese Organisation über ein viertel Jahrhundert beständigen Wachstums angeführt. Die Überläufer seien, so die Sprecher der „Kirche“, Lügner, verbitterte Abtrünnige, die schon längst verbrauchte Vorwürfe aus dem Internet wiederholen würden und zudem die Bedeutung der Positionen, die sie in der Scientology-Arbeitstruppe Sea Org eingenommen hatten, übertreiben würden. Weiter wurde behauptet, die Überläufer seinen es gewesen, die Angestellte physisch angegriffen hätten. Als Miscavige dies herausfand, hätte er dies gestoppt und sie degradiert. Jetzt würden die Überläufer eine Coup anzetteln wollen, indem sie Vorwürfe erfänden, um Miscavige stürzen und die Kontrolle über die „Kirche“ übernehmen zu können. Die Aussteiger bestreiten dies. Sie sagen, dass sie sich öffentlich äußern, weil Miscavige's Verhalten bekannt werden muss. Rathbun meint, dass die Misshandlungen des Personals durch den Anführer, Manager vertrieben und diejenigen, die geblieben sind, gelähmt hätten. „Es ist zu einem Chaos geworden, weil... es keine Form von Organisation gibt. Niemand ist respektiert, weil er [Miscavige] beständig Leute herunter macht und schlägt.“ „Ich möchte nicht mehr, das Menschen weiterhin verletzt, ausgetrickst und belogen werden“, sagt Rinder. „Ich war aufgrund meines mangelnden Muts nicht dabei erfolgreich, etwas zu ändern, als ich noch Mitglied der »Kirche« war.“ „Aber ich glaube, dass dieser Missbrauch aufhören muss… Diese Fäulnis, die sich intern verbreitet, ist aktuell für Scientology destruktiver als alles, was außerhalb vor sich geht.“ PRÜGEL: Unvorhersehbar, wunderlich Mit 49 ist Miscavige fit und gebräunt, sein versteinertes, ausdrucksloses Gesicht wird von seinen stechend blauen Augen untermalt. Er ist keine 1,70 Meter groß, aber kräftig, mit einem passenden, kräftigen Handschlag. Seine starke und widerhallende Stimme kann eine Masse von tausenden fesseln. Viele nennen ihn „COB – Chairman of the Board“ [der Vorstandsvorsitzende], weil er der Vorsitzende der Organisation ist, welche Scientology, 1954 von L. Ron Hubbard gegründet, leiten und bewahren soll. „Er ist einer der fähigsten, intelligentesten Individuen, die ich jemals getroffen habe“, sagt Rathbun. „Aber L. Ron Hubbard sagte, dass die Höhe der Intelligenz nicht unbedingt mit dem Level der Zurechnungsfähigkeit übereinstimmt. Adolf Hilter war genial. Stalin war genial. Sie waren Genies. Aber gleichzeitig waren sie auf einem bestimmten Level vollkommen verrückt.“ Rathbun, Rinder, Scobee und De Vocht sagen nun, dass sie Wahnsinniges beobachtet und daran teilgenommen haben, angefangen von „Reise nach Jerusalem“-Spielen bis hin zu fortgesetztem körperlichen Missbrauch. Was löste Miscavige's Ausbrüche aus? Die Opfer haben meistens keine Ahnung „Wenn es nicht die Antwort gab, die er hören wollte, vergaß er sich,“ berichtet De Vocht. „Wenn es anders war, als er dachte, vergaß er sich. Wenn er sich verarscht vorkam oder er einen bessere Antwort hörte, als er sie hatte, vergaß er sich.“ Rathbun und Rinder nennen Führungskräfte, die sie selbst von Miscavige attackiert sahen: Marc Yager [Leiter der Commodore's Messenger Organization International]: Mindestens zwanzig Mal. Guillaume Lesevre [Leiter der Church of Scientology International]: Mindestens zehn Mal. Ray Mithoff [Manager der Church of Scientology International]: Rathbun sagt, Miscavige „würde ihn regelmäßig direkt auf den Kopf schlagen und anschreien. Oder ihn am Kragen greifen und auf den Boden werfen.“ Norman Starkey [Treuhänder des Nachlasses von L. Ron Hubbard]: „Direkt auf dem Parkplatz verprügelte (Miscavige) ihn höllisch, schmiss ihn zu Boden und begann dann, als er unten lag, auf ihn einzutreten“, berichtet Rathbun. Weiter sagt er, er sah wie Rinder „mindestens ein Dutzend Mal verprügelt wurde, nur in den letzten fünf Jahren… einige Male richtiggehend grausam.“ Rinder meint dazu: „Yager war wie ein Boxsack. Genauso wie ich.“ Er ergänzt: „Das große Problem war nicht der körperlich Schmerz. Wichtiger war die Demütigung und die Kontrolle. … Es ist einfach so, dass du gedemütigt wirst – ins Gesicht geschlagen, getreten – und da kannst einfach nichts dagegen tun. Würdest du es versuchen, würdest du den COB angegriffen haben.“ „Es war vollkommen unvorhersehbar und grotesk. Es konnte ein Schlag ins Gesicht sein. Oder, dass man sofort Fragen beantworten musste. Aber es war immer als Bestrafung gemeint.“ Scobee merkt an, dass Miscavige niemals sie oder eine andere Frau geschlagen hätte, aber sie bezeugte viele seiner Attacken, inklusive eines Vorfalls, bei dem dieser Rinder so lange gewürgt hätte, bis dessen Gesicht sich hochrot färbte. Rinder bestätigt diese Darstellung. De Vocht schätzt, dass er von 2003 bis 2005 rund hundert Mal beobachtet hätte, wie Miscavige Beschäftigte geschlagen hätte. Rathbun, Rinder und De Vocht geben zu, dass sie im Gegenzug andere geschlagen hätten. Im Januar 2004 verprügelte Rathbun Rinder so stark, dass er von mehreren anderen fortgezogen werden musste. „Ja, dieser Vorfall ist passiert,“ sagt Rinder. „Es war nicht das einzige Mal, dass Marty oder ich an unterschiedlichen Formen physischer Gewalt gegen andere beteiligt waren.“ Er erinnert sich, einen Angestellten am Kragen gegen eine Wand gedrückt und dabei seine Gurgel gewürgt zu haben. Rathbun erinnert sich daran, mehrfach unterschiedliche Menschen angegriffen zu haben, Lesevre über den Tisch zu werfen, Stakey auf die Ohren zu schlagen und Yager eine Treppe herunter zu schmeissen – alles, wie er sagt, im Auftrag von Miscavige. Er berichtet davon, wie er einen Angestellten am Los Angeles International Airport auf die Motorhaube geworfen hätte. Dann, als eine Menge von Zuschauenden zusammen gekommen war, hob er gegen diesen seine Faust und forderte, jener solle seine Einstellung verbessern. De Vocht berichtet, wie er eine Anzahl von Männern bei einer Sitzung geschlagen hätte, bei der diese vor ihren Kollegen ihre Fehlverhalten beichten musste, ein Treffen, dass rau und körperlich ablief. Heute davon betroffen, meint er, dass er es damals leicht rationalisieren konnte: „Wenn ich sie nicht attackiert hätte, wäre ich attackiert worden. Es war ein Überlebensinstinkt in einer unheimlichen Situation, in die niemand geraten sollte.“ Die vier Aussteiger sagen allesamt aus, dass ihr Führer eine Kultur etabliert hätte, welche körperliche Gewalt befördern würde. „Das ist der akzeptierte Weg geworden, etwas umzusetzen“, sagt Rinder. „Wenn COB es tat, war es auch für alle anderen okay.“ Rinder sagt, Rathbun sei Miscavige's persönlicher Schläger gewesen. „Wenn Dave sich bei etwas nicht schmutzig machen wollte, sandte er Marty aus um es für ihn zu regeln.“ Bestreiten tut Rathbun dies nicht. Es sei schwierig die Wahrheit zu finden, sagt er, „außer man redet mit jemand, der Schmutz an den Händen hat. Und ich gebe offen zu, ich habe Schmutz an meinen Händen und ich fühle mich schrecklich damit. Das ist der Grund, warum ich das tue, was ich gerade tue.“ Rathbun war nicht von Miscaviges Angriffen ausgenommen. „Einmal griff er mich beim Genick und schlug meinen Kopf gegen die Wand.“ Zurück schlug niemand. „Es ist einfach so, dass er eine große Gefolgschaft hat,“ sagt Scobee. „Er ist der »Retter« von allem, weil er jeden überwachen muss, weil wir alle inkompetente Arschlöcher sind. Das erzählte er uns ständig.“ „Du hast kein Geld. Du hast keine Berufserfahrung. Du hast nichts. Und er kann dich einfach auf die Straße setzen und in den Ruin treiben.“ Tommy Davis, der Sprecher der „Kirche“, sagt, die Überläufer würden lügen. In Antwort auf den Vorwurf von Rinder, Miscavige hätte ihn ungefähr 50 Mal angegriffen, sagte Davis: „Er lügt einfach nur.“ Yager, Starkey, Mithoff und Lesevre behauptet gegenüber der Times nachdrücklich, dass sie Miscavige niemals angegriffen hätte. Davis wies beglaubigte Erklärungen vor, in welchen Rathbun und Rinder – damals noch in hohen Positionen bei Scientology – den Anführer als außerordentliche Persönlichkeit lobten und energisch Gerüchte darüber dementierten, dass dieser seine Angestellten missbrauchen würde. Davis macht auf eine Geschichte der Times aufmerksam, in der Miscavige 1988 die gleichen Gerüchte dementiert hätte. Rathbun unterstützte ihn damals und meinte, dass er in den 20 Jahren, die er mit Miscavige zusammengearbeitet hätte, niemals gesehen hätte, wie dieser die Hand gegen irgend jemand erhoben hätte. „Das ist nicht sein Wesen“, sagte Rathbun damals. „Er hat genügend persönliche Durchsetzungskraft, als dass er einen solchen Weg beschreiten müsste.“ Heute sagt Rathbun dazu: „Das war die größte Lüge, die ich euch jemals erzählte.“ Davis spielte uns das Video eine Konfrontation zwischen Rinder und einem BBC-Reporter in London aus dem Jahr 2007 vor, kurz bevor Rinder die „Kirche“ verließ. Der Reporter fragt mehrfach zu den Vorwürfen gegen Miscavige nach, die Rinder hitzig als „Unsinn“ bestreitet. Jetzt sagt Rinder, dass er damals log, um die „Kirche“ zu beschützen und das sein Loyalität gegenüber Miscavige unangebracht war. Er sagt, dass er damals genau das tat, was Miscavige's Stab heute tut: „Einfach abstreiten. Nein. Nicht wahr. Ist niemals passiert.“ Die Scientology-“Kirche“ bezeichnet sich selbst als Organisation, die an „einer Zivilisation ohne Wahnsinn (arbeitet), ohne Kriminelle und ohne Kriege, in der die Fähigen erfolgreich sein und ehrliche Personen Rechte haben können und wo Menschen frei sind, größere Dinge zu erreichen.“ Scobee sagt, dass Miscavige nicht das praktizieren würde, was Scientology predigt. Sehr großzügig würde er Mitglieder zu Feinden erklären, was diesen jeden Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden innerhalb von Scientology verbiete. „Man kann sich nicht selber einen religiösen Führer nennen, wenn man Menschen schlägt, sie einsperrt, Familien auseinander reißt,“ sagt sie. „Wenn ich darauf aus wäre, Scientology zu vernichten, würde ich David Miscavige genau dort lassen, wo er ist, weil er fast schon perfekt daran arbeitet.“ Den Ruf vernichten Den Ruf vernichten – dies ist es, was die Überläufer bei Miscavige versuchen würden, zumindest wenn man einem Team von zwei Anwälten der „Kirche“ und zwei ihrer Sprecher folgt. Rathbun, Rinder, De Vocht und Scobee: Sie alle hätten bei ihren Aufgaben versagt, Sea Org-Regeln gebrochen und seien moralisch zweifelhaft, sagt das Team. Man solle diese vier gebrochenen Gestalten einem Mann von Miscavige's Persönlichkeit gegenüber stellen und es würde klar werden, wer vertrauenswürdig sei und wer nicht. „Es geht nicht darum, dass sie ihre Version haben und wir eine andere. Es geht darum, dass all das niemals passiert ist“, sagt Monique Yingling, eine Anwältin, die selber nicht Scientologin ist, aber die „Kirche“ seit über 20 Jahren vertritt. „Es gibt eine Geschichte, aber nicht die, die hier erzählt wird.“ Während die Anwälte und Sprecher Miscavige verteidigen und versuchen, die Kritiker zu diskreditieren, nutzen sie Material aus der Aufzeichnungen der Auditing-Sitzungen der Überläufer – Beichten, Selbstanklagen, Vorwürfe, die die „Kirche“ jetzt benutzt, um ihren psychische Störungen nachzuweisen. Diese Dokumente beleuchten ein System der „innerkirchlichen“ Rechtssprechung, welches Außenstehende selten zu sehen bekommen. Dieses System hält Scientologen dazu an, produktiv zu sein. Es basiert auf der Überzeugung, dass zu jedem Zeitpunkt jede menschliche Aktivität auf eine Statistik reduziert werden kann und alles – eine Gruppe, eine Person, der Job von jemanden und seine Ehe – gemessen und innerhalb von 12 „Zuständen“ verortet werden könnte. Die niedrigen Zustände beinhalten „Verwirrung“, „Verrat“ und „Feind“. Der höchste Zustand ist „Power“, gefolgt von „starke Veränderung“ und „Wohlstand“. Um diese moralische Leiter emporzusteigen muss das Individuum schriftliche Beichten ablegen, genannt „Formulare“, welche ihm oder ihr helfen, sich zu bessern, indem sie selbst überprüft, was sie falsch gemacht hat. Diese Formulare geben der „Kirche“ gleichzeitig schriftliches Material in die Hand, dass sie gegen Mitglieder verwenden kann, welche sich gegen Scientology wenden. Weitere Dokumente werden erstellt, wenn ein Person die „Kirche“ verlassen oder direkt abhauen will. 1959 schrieb Hubbard eine Policy [Richtlinie], die besagt, dass eine Person die „Kirche“ nur als Teil einer noblen Geste verlassen würde, weil er oder sie sich ansonsten nicht davon zurückhalten könnten, der „Kirche“ zu schaden. Um dies vor sich selber zu rechtfertigen, so glaubte dies zumindest Hubbard, würde sich diese Person dann schlechten Dinge über die „Kirche“ ausdenken. Folgerichtig würde jeder, der austritt, „Overts“ (also schädliche Akte) gegen die Kirche begangen haben und diese zurück halten. Die „Kirche“ sei verpflichtet diese Personen dazu zu bringen, mit sich ins Reine zu kommen meinte Hubbard, weil das Zurückhalten von Overts gegen Scientology zu Selbstmord oder den Tod durch eine Krankheit führen könnte. Deshalb müssten sie alle ihre Übertretungen niederschreiben, um mit der „Kirche“ in einem guten Verhältnis zu bleiben, wenn sie diese verließen. Yingling und Davis behauptet, dass es der „Kirche“ jetzt nicht behagen würde, diese Akten zu benutzen. Aber nachdem die vier Abweichler gegen Miscavige ausgesagt hätten, hätten sie keine andere Chance mehr, so die Anwältin und der Sprecher. Die produzierten Dokumente geben an, dass Scobee die Sea Org Regeln verletzt hätte, weil sie sich „romantisch neben ihrer Ehe betätigt hätte.“ Scobee meint, dass die „Kirche“ übertreibt. Sie erkennt an, dass sie die Regeln durch einen sexuellen Akt im Supervisor-Zimmer verletzt hätte, merkt aber an, dass der damals beteiligte Mann ihr zukünftiger Ehemann gewesen sei. Ein anderes Dokument behauptete, sie hätte 1988 mit einem anderen Mann „eine Beziehung begonnen“. Scobee sagt dazu, dass dies ein Elektriker, der nicht Scientologe war, gewesen sei, welcher sie aufgefordert hätte, mit ihm zu fliehen. Sie hätte dies abgelehnt und den Vorfall ihrem Vorgesetzten gemeldet, sei aber trotzdem bestraft worden. Ein Schriftstück aus dem Juli 2003 führt für sie schlechte Produktivität an und erklärt sie für eine Arbeit auf der Basis in Kalifornien für untauglich. Dem hält Scobee entgegen, dass die „Kirche“ sie für über zwanzig Jahre in verantwortungsvollen Positionen eingesetzt hätte. 1996 wurde sie in einem Magazin der „Kirche“ als „bewährteste“ und „überaus hingebungsvolle“ Führungskraft von Scientology dargestellt. „Wichtig ist, dass es keine Einfluss hat, ob ich Gott war oder ein schlampiger Hausmeister,“ sagt Scobee. „Was ich gesehen habe, habe ich gesehen.“ De Vocht befand sich im sogenannten Zustand „Verrat“, als er 2004 ein Memo abzeichnet, welches besagte, dass er bei einem Immobiliendeal in Clearwater eine Millionen Dollar, die der „Kirche“ gehörten, verloren hätte. In einem Brief an Miscavige gesteht er, durch Verschwendung und Überbezahlung bei zwei Projekten zehn Millionen Dollar vergeudet zu haben. Über diese Dokumente befragt sagt De Vocht, dass diese „Ethik-Formulare“ die verdrehte Kultur widerspiegeln, welche von Miscavige geschaffen worden sei, nicht die Realität. „Du sagst einfach, was du zu sagen hast, um kooperativ zu erscheinen. Es ist keine freiwillige Tat. Es ist da, um deinen Arsch zu retten – mach das Programm mit oder du wirst verprügelt.“ Miscavige zu verherrlichen sei Teil der Programms gewesen, sagt De Vocht. „Er ist unser Papst, unser Führer und er kann gar nicht falsch liegen. … Wenn du sagst, »Ich tue alles, was ich kann, um es richtig zu machen«, dann magst du durchkommen. Du hast aber keine andere Wahl, als niederzuknien und zu sagen »Du hast Recht und ich habe Unrecht«.“ Die „Kirche“ sagt Rinder, der für Jahrzehnte ihr Hauptsprecher gewesen war, sei eine unverbesserliche Lügnerin. In seinen „Moral-Ordnern“ würde Rinder, so behauptet die „Kirche“, zugeben, über die Jahre hinweg 43 Mal gelogen zu haben. „Das war ein richtiges Problem, diese Hang zum Lügen von Mike. … Offenbar hat er ein generelles Problem mit der Wahrheit“, sagt Davis, Rinder's Nachfolger als Sprecher. Nachdem er einst bestritten hat, dass Miscavige ihn oder andere geschlagen hätte, würde Rinder nun lügen, behauptet Yingling. „Er ist gegangen, weil er degradiert wurde... Er ist jetzt verbittert und seine Verbitterung führt ihn zu dieser Behauptung, die er über so viele Jahre bestritten hat.“ Davis ergänzt: „Eine der Dinge, für die er bekannt war, war zu sagen »Nun, wenn ich so schlecht bin, warum fragt ihr mich, immer wieder neue Sache zu tun?« Kennst du die Antwort auf diese Frage? … Die abschließende Antwort auf diese Frage ist: »Mike, weißt du was, du hast Recht. Warum weiter fragen.« Und dann hörten wir auf, zu fragen. Und dann verließ er uns und niemand hielt ihn zurück.“ Wie all die anderen Aussteiger sagt Rinder, dass er sicher ist, dass er all das aufgeschrieben hätte, was sich jetzt in diesen „Moral-Akten“ befinden würde, aber all diese Eingeständnis seien bedeutungslos, sie waren einfach immer nur das, was seine Vorgesetzten hören wollten. „Alle diese Sachen wurden geschrieben, um in ein gutes Licht gerückt zu werden oder etwas zu bekommen.“ Davis hingegen sagt, Rinder sei nicht in der Lage, mit seinem Abstieg von Posten des Sprechers einer international aktiven „Kirche“ zu seinen jetzigen, alltäglichen Job klar zu kommen. „Mike ging. Ich denke, wir stimmen alle darin überein, dass er verbittert ist“, meint Davis. „Das ist ein Typ, der mit den großen Hunden durch das hohe Gras gestreift ist… Das war ein aufregendes Leben. Und jetzt verkauft er Autos und das muss für ihn ein höllischer Schock sein.“ Die „Kirche“ veröffentliche zahlreichen Seiten aus ihren Akte über Rathbun. Darunter: ein Brief von 1994, in welchem er berichtet, dass er einen Truth Rundown – eine der vielen Arten von Beichten – abgeschlossen hätte und sich dafür entschuldigen würde, die „Kirche“ ein Jahr zuvor kurz verlassen zu haben; drei Berichte darüber, Angestellte einige Dutzende Male angeschrien und verbal attackiert zu haben und Dokumente, in denen er zu gibt, Situationen nicht richtig gehandhabt zu haben. In einem Dokument aus dem Jahr 2003 schrieb Rathbun eine sogenannte „öffentliche Bekanntmachung“ über zwei Jahrzehnte Pfusch, darunter: wie er sich herausgestellt hätte, um wichtiger zu erscheinen, als er war; das er für Miscavige zusätzliche Arbeit bedeutet hätte; wie er Angestellt falsch gemanagt und bedeutende Aufgaben, darunter den langfristigen Kampf der „Kirche“ mit der US-amerikanischen Steuerbehörde IRS, vermasselt hätte. Rathbun sagt heute, dass er alles aufgeschrieben hätte, was Miscavige hätte hören wollen. Die „Kirche“ legte – nachdem die Times sie über Rathbun befragt hatte – eine eidesstattliche Erklärung von 6. Juni 2009 vor, die von einem Sea Org Mitglied, deren Name von der „Kirche“ geschwärzt wurde, abgegeben wurde. Diese kritisiert Rathbun dafür, gewalttätig und beleidigend zu sein und eine Rolle bei dem Versuch ihrer Familie gespielt zu haben, sie aus Scientology heraus zu bekommen. Rathbun stimmt zu, dass er versucht hätte, der Familie zu helfen, weil die betroffene Frau starke Zweifel darüber geäußert hätte, zu Scientology zurückzukehren. Ähnlich wie bei De Vocht sind auch Rathbuns Beichten davon gekennzeichnet, dass die Miscavige ausgiebig loben. Er schrieb beispielsweise, der Führer hätte „eigenhändig Scientology gerettet“. Die Management-Elite von Scientology lebt und arbeitet auf der fünf Hektar großen Basis in den trockenen Bergen gegenüber dem Mount San Jacinto bei Palm Springs. Rathbun hätte dort, so sagen die Vertreter der „Kirche“, zwischen 2002 und 2003 als Moraloffizier eine „Terrorherrschaft“ organisiert, während Miscavige in Clearwater juristische und andere Problem geregelt hätte. Ende 2003 sei Miscavige zurückgekehrt, hätte Rathbun degradiert und damit begonnen, dessen Hinterlassenschaften aufzuräumen. Rathbun hingegen gibt an, dass er 2002 und 2003 fast die gesamte Zeit außerhalb der Basis gewesen wäre, um Rechtsstreitigkeiten und andere sensible Angelegenheiten in Miscaviges Interesse zu handhaben. Als er Ende 2003 in die Basis zurückkehrte, sagt er, wäre es Miscavige gewesen, der eine „Terrorherrschaft“ errichtet hätte. Die „Kirche“ behauptet, dass Rathbun seine Rolle bei Scientology übertreiben würde. Seit 1993 hätte er keine wichtige Position mehr besetzt. Hingegen wurde Rathbun noch 1998 in einem Scientology-Magazin als Hauptsprecher einer bedeutsamen und von 3000 Scientologen besuchten Veranstaltung in der Ruth Eckerd Hall [einem Veranstaltungsort in Clearwater] vorgestellt. Der Magazinartikel gibt an, dass Rathbun der „Generalinspekteur“ der Einrichtung sei. Zudem legte die „Kirche“ der Times ein juristisches Dokument aus dem März 2000 vor, welches Rathbun als „Direktor“ der gleichen Einrichtung aufführt. Wenn Rathbuns Verantwortungsbereich so eingeschränkt war, wie die „Kirche“ behauptet, wie ist es ihm dann gelungen eine Terrorherrschaft zu errichten? Davis, der Sprecher der „Kirche“, explodierte nach dieser Frage der Times. „Er ist es, der behauptet, dass David Miscavige diese Menschen geschlagen hätte“, schrie Davis. „Und er behauptet jetzt, dass David Miscavige genau die Menschen geschlagen hätte, die er selber geschlagen hat. Und das regt mich auf. Weil, dieser Typ ist ein verdammter Lügner und ich habe nicht die Aufgabe, zu erklären, wie er einer wurde.“ „Der wichtige Punkt ist, dass er behauptet, David Miscavige hätte das alles getan… Und jetzt werde ich etwas ärgerlich. Bin ich über Sie verärgert? Nicht unbedingt. Aber ich bin gottverdammt nochmal wütend auf Marty Rathbun. Weil er genau weiß, dass er der Terrorherrscher war.“ Ankommen in Clearwater Herbst 1975. Eine Vereinigung, die sich selber United Churches of Florida nennt, gibt bekannt, dass sie von der Southern Land Development Corp. das Fort Harrison Hotel mieten würde, von einer Firma, die den Plan hätte, das historische Gebäude zu kaufen. Niemand – nicht einmal die Anwälte der Verkäufer – können irgendetwas über die Southern Land Development Corp. finden. Nicht einmal eine Telefonnummer. Als am 1. Dezember der Verkauf über die Bühne geht, zahlt die Firma 2,3 Millionen Dollar in Cash für ein Wahrzeichen, in welchem die Einwohner von Clearwater fünfzig Jahre lang ihre Hochzeiten, ihre Silvesterpartys und andere öffentliche Ereignisse gefeiert hatten. Sofort schließen die neuen Nutzer das Hotel für die Öffentlichkeit. Uniformierte mit Tränengas und Schlagstöcken bewachten den Eingang. Am 28. Januar 1976 kam ein PR-Team aus Los Angeles nach Clearwater und gab bekannt, dass der wahre Käufer die Church of Scientology of California sei. Dieser Betrug verbreitete Angst in der sonst verschlafenen Stadt mit ihren herrlichen Stränden. Der Bürgermeister von Clearwater, Gabe Cazares, war entrüstet über die erst heimliche und dann plumpe Taktik dieser Gruppe. „Das Fort Harrison stand hier für ein halbes Jahrhundert, aber erst jetzt ist es zum ersten Mal wirklich ein Fort“, beklagte er sich. „Das ist beängstigend.“ Die Einwohner wurden ängstlich, als die mitbekamen, dass Scientology eine Sekte auf dem Kriegspfad war. Diese Sekte hatte schon das Außenministerium, das Justizministerium, die Steuerbehörde, den Geheimdienst und die Polizei von Los Angeles verklagt – jede Behörde, die auf sie aufmerksam wurde oder einen ihrer Anträge ablehnte. Warum suchte Hubbard Clearwater aus? Er musste die „Kirche“ jahrelang von einem Schiff aus leiten, der Apollo, und wollte nun eine „Landbasis“. Also sandte er seine Kundschafter aus: sucht mir ein großes Gebäude, nahe bei einem guten Flughafen und in einem warmen Landstrich. Ein Gelände in Daytona Beach wurde ins Auge gefasst. Ebenso das Fort Harrison. Es sollte Scientologys „Flaggschiff“ werden. Hubbard sandte Anweisungen aus, wie „Flag“ organisiert werden sollte, alles, von Marketingplan bis hin zu den sexuellen Beziehung der Angestellten und den Uniformen. Es sollte „groß, elegant und finanziell eigenständig“werden, schrieb Hubbard, „ein Hotel mit einer Qualität, welche das Waldorf Astoria beschämen würde.“ Hubbard ließ sich das Motto für das Hotel sichern: „The friendliest place in the whole world." („Der freundlichste Platz auf der Welt.“) Ein Jahrzehnt später würde er sterben, aber bis dahin wurde die nächste Generation von Anführern der „Kirche“ ausgebildet. Die jungen Wilden Hubbard nannte es „fair game“. Diejenigen, sagte er, welche versuchen würden der „Kirche“ zu schaden, „können mit allen Mitteln von allen Scientologen ihres Eigentums beraubt oder verletzt werden, ohne das diese Scientologen zur Rechenschaft gezogen werden. Sie können ausgetrickst, verklagt, belogen oder zerstört werden.“ Bürgermeister Cazares stellte Fragen über die neue Gruppe, die das Fort Harrison bewohnte, nannte sie eine Sekte und tauschte mit der „Kirche“ Rechtsstreitigkeiten aus. Die St. Petersburg Times und die Clearwater Sun untersuchten die Sache. Die Scientologen folgten Hubbards Spielplan und verfolgten ihre Feinde. Sie versuchten, Cazares einen gefälschten Unfall mit Fahrerflucht anzuhängen. Sie fingen die Post an die Times ab und beschuldigten den Aufsichtratsvorsitzenden der Times, Nelson Poynter, ein CIA-Agent zu sein. Im Frühling 1976 begann Hubbard – der „Kommodore“ – seine Vision des Fort Harrison umzusetzen. Scientologen aus aller Welt kamen für lange Aufenthalte. Sie bezahlten tausende für „Auditing“ genannte Beratungssitzungen, in welchen versucht wird, das Unterbewusstsein von negativen Erlebnissen zu befreien und dadurch zu einem „höheren Zustand spiritueller Wahrnehmung“ zu gelangen. Mike Rinder, ein 20-jähriger Australier, betrieb das Telexsystem des Hotels, versandte und erhielt Sendungen aus Scientology-Filialen in der ganzen Welt. David Miscavige, ein 16-jähriger aus den Vororten Philadelphias, verließ in diesem April vor dem Abschluss der zehnten Klasse die Schule und begann im Fort Harrison zu arbeiten. Nahezu sofort leitete der folgsame Miscavige Erwachsene an. 1977, nachdem er gerade einmal zehn Monate in Clearwater gearbeitet hatte, wurde er nach Kalifornien geschickt, wo er der Commodore's Messenger Organization beitrat, einer auserwählten Gruppe von ungefähr 20 Personen, welche die „Mission“ hatten, direkt für Hubbard zu arbeiten. Später, im Jahr 1978, wurde Miscavige die Verantwortung für ein Team übertragen, welches Hubbards Haus in Südkalifornien umbaute. Zu dieser Gruppe gehörte ein 21-jähriger, früherer College-Basketballspieler, welcher der „Kirche“ im Jahr zuvor beigetreten war. Dreißig Jahre später kann sich Marty Rathbun immer noch an den Augenblick erinnern, in dem er den jungen Chef das erste Mal sah, wie er herumstolzierte und „Befehle herausschrie“. Keine Frage, das war David Miscavige. Die frühen Machtspiele Mitte der 70er Jahre stellte die US-amerikanische Steuerbehörde Gerald Bennett Wolfe als Schreibkraft an. Was sie nicht wusste war, dass er ein Scientology-Agent war – sein Codename war „Silver“. Er brach im Hauptquartier der Behörde in Washington in das Büro eines der dort tätigen Anwälte ein und kopiert über Monate hinweg mit Hilfe des damaligen Geheimdienstes der „Kirche“, dem Guardian's Office, amtliche Dokumente. Die Steuerbehörde hatte Scientology zehn Jahre zuvor mit dem Argument, dass es sich um ein Wirtschaftsunternehmen handeln würde, den steuerbegüstigenden Status der Gemeinnützigkeit entzogen. Scientology schlug zurück, indem sie Steuerzahlung zurückhielt, ihre Anwälte loshetzte und mit Silver die Behörde infiltrierte. Aber dessen Undercover-Mission hatte ein Nachspiel. Am 8. Juli 1977 durchsuchte das FBI die Hauptquartiere von Scientology in Washington und Los Angeles und beschlagnahmte Einbruchs- und Überwachungswerkzeuge und 48.000 Dokumente. Im Oktober 1979 wurden Hubbards Frau, Mary Sue, die das Guardian's Office geleitet hatte und weitere zehn Scientologen wegen Verschwörung zum Diebstahl amtlicher Dokumente oder Behinderung der Justiz verurteilt. Ihr Ehemann, der im Gerichtsverfahren als nicht-angeklagter Mitverschwörer benannt wurde, zog sich auf seine kalifornische Ranch in der Nähe der Kleinstadt La Quinta zurück. Damals wurden zwei junge Männer aus dem dort eingesetzten Renovierungsteam zu engen Vertrauten des sich versteckenden Gründers der „Kirche“. Rathbun überbrachte Hubbard Post und Nachrichten; Miscavige war seine rechte Hand. Im Januar 1981 lud Miscavige Rathbun ein, ihn auf einen Trip zum Super Bowl zu begleiten. Sie lernten sich auf dem Weg von Los Angeles nach New Orleans, den sie in acht-Stunden-Schichten fuhren, kennen. Später während dieses Jahr erteilte Hubbard Miscavige eine kritische Aufgabe: Er sollte den Strom von Klagen und Untersuchungen, welcher die „Kirche“ bedrohte, stoppen und zerstreuen. Miscavige wählte Rathbun und drei andere aus, ihm bei diesem Job zu helfen. Rathbun berichtet, dass er sechs Monate damit zu brachte, Fälle zu bewerten und Verteidigungsstrategien zu entwerfen. „Ich stellte Arbeitsgruppen zusammen, die sich um die Fälle kümmerten, eine in Clearwater, eine in New York, eine in Boston, eine in Toronto“, sagt er heute. „Diese berichteten direkt an mich. In gewisser Weise hatte ich die Oberaufsicht über die gesamten juristischen Operationen.“ Währenddessen entledigte sich Miscavige interner Rivalen und errichtete seine Machtbasis. Im Alter von 21 überredete er Hubbards Frau zum Rücktritt. Ihm half, dass er Hubbards Zustimmung hatte. Dessen Sohn hatte eine Klage eingereicht, in der er anhängig machte, dass die Firma, welche Hubbards Besitzungen außerhalb der USA betreute und die von Miscavige geleitet wurde, sein Vermögen unterschlagen würde. Hubbard antwortete mit einer Erklärung, die besagte, dass er „unzweideutiges Vertrauen zu David Miscavige hätte, welcher ein langjähriger und hingebungsvoller Scientologe [sei], ein bewährter Vertrauter und mein guter Freund.“ Rinder wurde zu diesem Zeitpunkt ein bewährter Vertrauter für den kommenden Führer. Miscavige nutzte die Verbindungen aus seinen Kindertagen in Clearwater, um das Guardian's Office, den Zweig von Scientology, welche die Dokumente der Steuerbehörde gestohlen und andere Taten begangen hatte, aufzulösen. Er setzte Rinder als Kopf des neuen internationalen Büros für besondere Aufgaben, dem Office of Special Affairs, ein. Eine der Aufgaben von Rinder war es, die neue Sicht von Scientology zu verbreiten: Der neue Führer der „Kirche“ betonte, dass sie aus den schmutzigen Tricks des alten Guardian's Office gelernt hätten. Diese seien aber nicht, wofür Scientology stehen würde. Die Rivalen ausstechen Am 27. Januar 1986 kamen tausende Scientologen im Hollywood Palladium-Theater in Los Angeles zusammen, wo ein ernster Miscavige die Nachricht überbrachte: Der Gründer wäre fortgeschritten zu einen neuen Zustand, um weiter zu forschen, einen „äußeren Zustand … vollständig außerhalb seines Körpers.“ Mit 74 Jahren war L. Ron Hubbard gestorben. Miscavige übergab das Mikrophon an den Anwalt der „Kirche“, Earle Cooley, welcher Miscavige nicht namentlich erwähnte, aber ihm dennoch half, seine Rolle als zukünftiger Anführer zu zementieren. Cooley gab bekannt, dass Hubbard, welcher an einem Schlaganfall gestorben sei, Scientology den Großteil seines Vermögens hinterlassen hätten, zusammen mit der Aussage, dass dies „ein Ausdruck seines Vertrauens in das Management der »Kirche« wäre.“ Er hinterließ keinen expliziten Nachfolger, was die Frage offen ließ, wer die „Kirche“ leiten sollte. Monate später übernahmen Miscavige, Rathbun und andere die Kontrolle über das Religious Technology Center, das RTC, welches Hubbard als höchste geistliche Einrichtung der Kirche geschaffen hatte. Sie entließen das Personal und zwangen den Chef des Büros, zurück zu treten. Miscavige wurde Vorstandsvorsitzender, was er heute noch ist. Rathbun übernahm den hohen Posten des Generalinspektors für Ethik. Die letzten Rivalen beim Kampf um die Kontrolle über Scientology waren Pat und Annie Broeker, welche Hubbard in seinen letzten Jahren assistiert hatten. Der Gründer hatte sie in den Status „loyaler Offiziere“ erhoben, einen Rang, welcher höher war, als der von Kapitän Miscavige. Die Broekers hatten auch die Kontrolle über Hubbards letzte Schriften, die streng gehüteten höheren Level in Scientologies Wissensgebäude, welche er in der Abgeschiedenheit niedergeschrieben hatte. Für die „Kirche“, welche größtenteils von den Gebühren für diese Level abhing, waren diese Papiere Gold wert, nicht nur spirituell, sondern auch finanziell. Miscavige wollte sie haben. Rathbun zeigt auf, wie sie dieses Ziel erreichten: An dem Tag, als Pat Broeker und Miscavige nach Washington flogen, um Anwälte der „Kirche“ zu treffen, stellte Rathbun ein Team von zwanzig Mann um Broekers Ranch in Barstow, Kalifornien auf. Während eines Zwischenstopps in Chicago gab Miscavige das Signal an Rathbun, die Verwalterin der Ranch anzurufen. Rathbun erzählte ihr, dass Miscavige und Broeker ihm folgende Nachricht durchgegeben hätten: Das FBI würde in zwei Stunden die Ranch durchsuchen wollen. Wenn sie nicht bis dahin die Schriften herausgebracht hätten, wären diese vielleicht für immer verloren. Die Frau ließ Rathbun und seine Männer ein. „Es klappte wie im Traum“, sagt er heute. Miscaviges Aufstieg war komplett. Mit 26 musste er sich in Scientology vor niemandem verantworten. Für Rathbun ist der wichtige Punkt der Geschichte, dass sich Miscavige seinen Weg an die Spitze erschwindelt hat und nicht etwa dafür auserwählt wurde. Aber Scientologen glauben, er sei der Gesalbte. „Und wenn sie das glauben, sind sie auch bereit, fast alles andere zu glauben.“ Es war ein Gespräch einige Tage nachdem sie Hubbards letzte Schriften in die Hand bekommen hatten, welches Rathbun zeigte, dass Miscavige sich selber nicht als politischer Aufsteiger, sondern als auserwählter Führer sah. Miscavige schien vor seiner neuen Verantwortung zurück zu schrecken, also versuchte Rathbun ihn aufzubauen. „Ich sagte ihm, dass mein Basketballtrainer in der High School folgende Motiviationsrede drauf hatte: Eine von Darrell Royal von den Texas Longhorns [American Football Team], die mich seitdem begleitete. Er sagte, »Ich habe keine Angst davor, einen Anführer zu wählen. Er wird von alleine hervortreten.«“ „Das sind falsche Daten!“ schoss Miscavige zurück. Rathbun sagt dazu: „Er wies es so schnell wie möglich zurück. Junge, als ich nur andeutete, dass er etwas anderes sein könnte, als gesalbt, sprang er mir gleich an die Gurgel.“ Last edited by becker; 07-03-2009 at 09:34 AM.. Reason: formating |
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Re: Übersetzung: The Truth Rundown in Deutsch
Sterben in Zeitlupe: Teil 2 von 3 eines Sonderreports über die „Scientology-Kirche“
von Thomas C. Tobin und Joe Childs, St. Petersburg Times Gedruckt: Montag, 22. Juni 2009 [Englisches Original: Death in slow motion: Part 2 of 3 in a special report on the Church of Scientology - St. Petersburg Times] In der Nacht, in der Lisa McPherson starb, gab der Führer der „Scientology-Kirche“ einem seiner Top-Offiziere den Auftrag, an einem öffentlichen Telefon in der Surfarea des Holiday Inn am Strand von Clearwater zu warten. Als Marty Rathbun das klingelnde Telefon abhob, sagte ihm David Miscavige Folgendes: Warum kümmerst du dich nicht schon längst um diesen Saustall? Die Polizei schnüffelt herum. Tu was. „Ja, Sir“, antwortete Rathbun damals. McPherson, eine 36-jährige Scientologin, in anscheinend gutem gesundheitlichen Zustand, hatte 17 Tage in einem bewachten Raum im Scientology-eigenen Fort Harrison Hotel verbracht. Angestellte der „Kirche“ hatten versucht, sie nach einem Nervenzusammenbruch zu pflegen. Stattdessen wurde sie krank. Ihre letzten Atemzüge tat sie auf dem Rücksitz eines Van, der sie zu einem Krankenhaus im nächsten Landkreis fuhr. Ihr Tod am 5. Dezember 1995 führte zu neun Jahren Untersuchungen, Gerichtsverhandlungen und weltweiter Presseberichterstattung. Dank des Internets befleckt er weiterhin den Ruf von Scientology. Hier folgt nun das erste Mal eine Insideraussage aus den höheren Rängen von Scientology – von dem Mann, der den Umgang der Kirche mit diesem Fall managte. Rathbun, der Ende 2004 aus Scientology austrat, gibt zu, dass er die Vernichtung komprimierender Materialien über die Betreuung von McPherson im Fort Harrison anordnete, während die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Familie McPhersons an Vorladungen arbeiteten. Rathbun und andere, welche die „Kirche“ verlassen haben, eröffnen nun das erste Mal, dass Miscavige direkt mit dem Werdegang McPhersons in Scientology zu tun hatte. Nur wenige Wochen vor ihrem Nervenzusammenbruch sagen sie, hätte der Anführer höchstselbst entschieden, dass diese einen mentalen Zustand erreicht hätte, den die Scientologen „clear“ nennen. Über Jahre hinweg beharrte Rathbun darauf, dass die „Kirche“ nichts falsch gemacht hätte. Heute sagt er, dass die Betreuung McPhersons von Anfang an ein Debakel war. Es war eine „Flut von Inkompetenz und Unverantwortlichkeit“ innerhalb der „Kirche“, sagt er. „Das ist nicht zu rechtfertigen.“ Er eröffnet, dass die „Kirche“ bereit war, jeden nötigen Preis zu zahlen, damit der Fall verschwand. Er sagt, dass er einen Abgesandten zu McPhersons Beerdigung schickte, welcher die Berechtigung hatte, deren Mutter Fannie alles zu geben, was diese verlangte. Dieser Versuch wurde abgeschmettert, weil die Familie der „Kirche“ nicht traute. „Ob finanziell oder irgendetwas anderes, wir hätten dafür gesorgt, dass diese Frau es bekommen hätte, weil es auf unsere Kappe ging. Hätte sie fünf Millionen Dollar gebraucht, wären wir mit fünf Millionen Dollar aufgetaucht.“ Offizielle der „Kirche“ sagen, dass Rathbun ein verbittertes Ex-Mitglied sei, welches seine Bedeutung in Scientology übertreiben würde und dessen Motive zweifelhaft seien. Sie behaupten, dass Miscavige Rathbun zum Teil wegen Fehltritten beim Umgang mit dem Fall McPherson degradiert hätte. Eine Vereinbarung mit der Familie der Frau würde ihr verbieten, Einzelheiten zu berichten, sagt Monique Yingling, eine langjährige Scientology-Anwältin und Freundin von Miscavige. Dennoch sagt sie, dass Rathbun den Fall von Anfang an vermasselt hätte und „unter Umständen die ganze Sache verursacht hat“. Ein paar Kratzer McPherson trat Scientology in Dallas, ihrer Heimatstadt, bei, als sie 18 war. Sie arbeitete für eine Marketing-Firma, die Freunden aus Scientology gehörte. Diese Firma zog 1994 nach Clearwater, dem spirituellen Hauptquartier der „Kirche“ und McPherson zog mit. Kurz nach 18 Uhr rammte am 18. November 1995 in der südlichen Fort Harrison Avenue ein Jeep Cherokee einen Bootanhänger, der wegen des Verkehrs angehalten worden war. McPherson, reichlich verwirrt, ging zum Fahrer des Anhängers, legte ihre Hand auf seine Schulter und fragte: „Wo sind die Leute? Wo sind die Leute?“ Feuerwehrleute brachte sie dazu, ihr Auto im Belleview Boulevard abzustellen. Sie unterschrieb ein Statement, welches besagte, dass sie keine medizinische Hilfe wünsche. Als die Polizisten und Sanitäter sich wieder ihren anderen Aufgaben zuwenden wollten, sahen sie, dass sich McPherson ihrer Kleidung entledigt hatte und den Belleview Boulevard entlang lief. Sie brachten McPhersons ins Morton Plant Hospital, wo die Ärzte überlegten, sie unter Berufung auf das Gesetz über geistige Gesundheit des Staates Florida einer psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen. Aber Scientology bewertet die Psychiatrie und psychiatrische Medizin als böse. Die „Kirche“ glaubt, dass sie selber weniger penetrante und weit humanere Behandlungsmethoden für den menschlichen Geist anbietet. Mit der Forderung, McPherson nicht der Psychiatrie auszuliefern, tauchten rund zehn Mitglieder der „Kirche“ im Krankenhaus auf und gaben an, dass sie sich um McPherson kümmern würden. Diese meinte, dass sie das Krankenhaus zusammen mit ihren Freunden verlassen wolle und entließ sich gegen den Rat der Ärzte selbst. Mitarbeiter der „Kirche“ checkten sie im Fort Harrison ein und brachten sie im Raum 174 der „Cabanas“ – einer Gruppe von etwas weniger offiziellen Räumen, welche auf die Straße hinter dem Hotel hinausgehen – unter. Vier Mitglieder des „kirchlichen“ medizinischen Büros wurden beauftragt, McPherson zu beobachten. Mitarbeiter aus anderen Abteilungen wurden als Hilfe herangezogen – inklusive eines Offiziers der Gehaltsstelle, eines Sachbearbeiters, einer Sekretärin, einer Personaldirektorin, Sicherheitsleuten und zweier Bibliothekare. Für die Supervision war Janis Johnson verantwortlich, eine Ärztin ohne Lizenz, die als medizinische Offizierin für die „Kirche“ arbeitete. Mehr als zwei Wochen versuchten sie, McPherson zu beruhigen, zu verpflegen und zu behandeln. Sie gaben ihr Chloralhydrat, ein leichtes Schlafmittel. Ein Zahnarzt ohne Lizenz für Florida mixte Aspirin, Benadryl und Orangensaft und zwang ihr dies mit einer Spritze in den Hals. Die Angestellten führten über alles, was sie taten, Buch. Im Bestreben, McPherson zu beruhigen, versucht ein Angestellter, ihr drei Baldrian-Kaspeln in den Rachen zu schieben, aber McPherson spuckte sie aus. „Mein Vorhaben, ihr die Nase zuzuhalten, damit sie schlucken muss, um durch ihren Mund zu atmen, ist nur teilweise erfolgreich“, schrieb der Angestellte. McPherson schlug um sich und schrie ihre Aufpasser an. Sie lallte und erbrach ihr Essen. Sie zerstörte die Deckenlampe und zerbrach im Badezimmer weiteres Glas. Sie sprang aus dem Bett, fiel auf den Boden und rannte im Raum herum. Versunken in den Anblick einer Glühbirne sagte sie „Du musst dem Licht folgen, weil Licht das Leben ist.“ „Sie war wie ein Eisklumpen“, schrieb eine Aufpasser. „Sie weigerte sich, etwas zu essen und spuckte alles aus, was sie bekam. Ihr Atem war unbeständig… es fühlte sich an, als hätte sie Fieber.“ Am Abend des 5. Dezember hatte McPherson rund sechs Kilo Gewicht verloren. Johnson, die Ärztin der „Kirche“, rief David Minkoff, einen Scientologen und Arzt im Columbia New Port Richey Hospital an. Minkoff meinte, McPherson sollte die Straße runter ins Morton Plant Hospital gebracht werden. Aber Alain Kartuzinski, ein Vorgesetzter der Auditing-Abteilung, meinte zu Minkoff, dass er Angst hätte, dass McPherson in Morton Plant psychologischer Behandlung ausgeliefert sein könnte und Johson versicherte Minkoff, dass McPhersons Zustand nicht lebensgefährlich sei. Was sie Minkoff nicht berichteten: McPherson humpelte und konnte nicht richtig gehen. Sie atmete schwer, ihr Augen waren starr und blinzelten nicht. Ihr Gesicht war eingefallen, was ein Zeichen für Dehydrierung war. Minkoff stimmte zu, sie zu untersuchen. Mit McPherson auf dem Rücksitz ihres Van fuhren die Aufpasser 45 Minuten zum Pasco Hospital und passierten auf ihrem Weg vier weitere Krankenhäuser. Sie fuhren sie auf einem Rollstuhl in die Notaufnahme. Sie hatte keinen Puls, keinen Herzschlag und atmete nicht. Minkoff stellte McPhersons Tod fest. Er nahm Johnson zur Seite und schrie sie an. „Ich verlor meinen Verstand“, sagte er später. „Ich war nicht daran interessiert, herauszufinden, was passiert war. Ich war eher in einem Zustand von »Wie kannst du diese Person in einem solchen Zustand zu mir bringen?«“ Miscaviges Rolle Scientology betreibt eine besondere Form der Beratung, genannt Auditing. In einem ruhigen Raum stellt ein „Auditor“ dem Scientology-Anhänger vorgeschriebene Fragen, während er gleichzeitig ein Gerät namens Elektronenpsychometer oder E-Meter beobachtet. Scientologen behaupten, dass es eine „Ladung“ gäbe, die mit schlechten Erfahrungen im Leben eines Menschen verbunden wären, beispielsweise Konflikte in einer Ehe oder Vorfälle in der Kindheit. Wenn diese Themen angesprochen würden, reagiere die Nadel des E-Meters darauf. Der Akt des Findens solcher beunruhigender Vorfälle zerstreue die Ladung und die Nadel schlüge vor und zurück. Die betroffene Person solle sich anschließend besser fühlen. Ein Ziel ist es, den Zustand „clear“ zu erreichen, in welchem alle negativen Bilder verschwunden wären und die jeweilige Person von Ängsten, Befürchtungen und irrationalen Gedanken befreit sei. John Travolta, Kirstie Alley und Tom Cruise sind einige der Celebrities, welche die Vorteile von Scientology hervorgehoben haben. Anhänger aus der gesamten Welt reisen nach Clearwater, um von den besten geauditet zu werden. Scientologen kommen wegen den Unterkünften in der Deluxeklasse und höchsten, „Klasse 12“ Auditoren, deren Service nach den Worten von Rathbun bis zu 1.000 Dollar pro Stunde kosten kann. Aber damals, 1995, dachte selbst die „Kirche“, dass die meisten ihrer „Klasse 12“ Auditoren ihr Geld nicht wert gewesen wären, sagt Rathbun. Sie waren ausgebrannt, ihr Sitzungen waren reine Routine und ohne eigene Inspiration, ähnlich eines Doktors mit einem ärmlichen Arbeitsverhalten. „Die waren alle übergewichtig, fett und sie hatten Rückenprobleme. Sie schliefen nicht genug“, sagt er weiter. „Und eines der Probleme war, wie ich feststellte, dass sie für 15, 20 Jahr goldene Kühe waren.“ Er sagt, sie wären „als Cash-Cows einfach die ganze Zeit über gemolken worden.“ Rathbun und andere berichten, dass Miscavige 1995 in Clearwater das „Goldene Zeitalter der Tech“ („The Golden Age of Tech“) gestartet hätte, eine Initiative, die zum Ziel hatte, die Qualität und Gründlichkeit des Auditing in Scientologies Mekka zu verbessern. Rathbun sagt, er hätte damals den Auftrag gehabt, dabei zu helfen. Miscavige würde die Auditing Sitzungen der Anhänger teilweise von einem Kontrollraum mit Video-Übertragungen aus unterschiedlichen Beratungsräumen kontrollieren. Eine dieser Anhängerinnen war Lisa McPherson. „Er schaute live mit der Videokamera bei jeder Sitzung zu, an der sie teilnahm und (überwachte diese), sagte »mach jetzt dies, mach jetzt das« und so weiter“, berichtet Tom De Vocht, ein ehemaliger hoher Manager der „Kirche“ in Clearwater, welcher diese verlassen hat und sich nun das erste mal öffentlich äußert. Der Ordner mit den Aufzeichnungen von McPhersons Auditing-Geschichte wurde immer wieder in Miscaviges Büro gebracht, sagt De Vocht, dessen Büro gleich nebenen lag und der zum damaligen Zeitpunkt Umbauten im Wohnbereich des Anführers leitete. Don Jason, damals ein hochrangiger Offizier im spirituellen Zentrum in Clearwater, berichtet, wie er sah, dass Miscavige seine Kopfhörer abnahm und verkündete, dass McPherson in einer vorhergehenden Sitzung den Zustand „Clear“ erlangt hätte. Jason, heute 45, sagt, dass er gesehen habe, wie Miscavige eine Notiz schrieb, welche McPhersons Auditor ihr später vorlas und die McPherson informierte, dass sei den neuen Status erreicht hätte. Scientologen, die „clear“ sind, werden nicht psychotisch, meint Jason. Also war eine Person, die so kurz nach dem Erreichen dieses Status einen Zusammenbruch hat, ein „großes Problem“. Vertreter der Kirche sagen, dass De Vocht und Jason falsch lägen. „Ich kann Ihnen sagen, dass dies vollkommen und total falsch ist“, sagt Angie Blankenship, die von 1996 bis 2003 eine hohe Verwaltungsangestellte in Clearwater war. „Ich war dort. COB (Miscavige) war während dieser Zeit nicht mal in der Flag land base. Er (Jason) ist ein Lügner. Nichts ist passiert.“ Yingling und der Sprecher der „Kirche“, Tommy Davis, sagen ebenfalls, dass Miscavige zu dieser Zeit nicht in Clearwater gewesen sei und behaupten, dass sie genauer Aufzeichnungen der Treffen hätten, die er damals in Kalifornien besucht hätte, um dies zu beweisen. Zudem stellen sie in Frage, ob De Vocht und Jason sich, fast 14 Jahre später, an alles über diese Frau erinnern könnten, die damals nur eine weitere Anhängerin gewesen sei. Jason sagt, dass dieser Moment heraus stach, weil Angestellte ein spezielles Training und beständig aufgefrischte Kurse benötigen, um erkennen zu können, wann jemand „clear“ wird. „Und deshalb erstaunte es mich“, dass Miscavige diese Kenntnisse hatte. Nicht nur das, sondern „ich stand genau neben ihm, als das passierte“, sagt Jason, der die „Kirche“ 1996 verließ, Scientology [als Technologie] aber weiterhin nützlich findet. „Das war ein großes Ding“, bemerkt De Vocht zu Miscaviges Einflussnahme. „Es ist unmöglich, sich daran nicht zu erinnern.“ De Vocht berichtet, damals eng mit Miscavige zusammen gearbeitet zu haben. Er sagt, dass der Anführer bei McPherson eingriff, weil sie Probleme mit ihrem Auditing hatte und gleichzeitig mit einem prominenten Mitglied der „Kirche“ befreundet war. Er berichtet, dass er sah, wie Miscavige McPhersons Auditing-Sitzungen per Videoübertragung beobachtete und Anmerkungen in ihren Ordner schrieb. „Ich beobachte ihn persönlich“, sagt De Vocht. „Eine ganze Reihen von Personen beobachten ihn persönlich.“ Die Offiziellen der „Kirche“ sagen, dass es keine Anmerkungen von Miscavige in McPhersons Akte gäbe. In jedem Fall, sagen sie, wäre Miscavige auch qualifiziert gewesen, McPhersons Fall zu supervisieren. „Er ist in jedem Feld ein Experte“, sagt Jessica Feshbach, ein Sprecherin der „Kirche“. Rathbun erinnert sich, wie er durch den Flur, der im Fort Harrison zu den Auditingräumen geht, ging und eine Frau herausstürmte. „Sie machte »Aaaaaah! Yahoo!«. Sie schrie aus voller Kraft“, sagt er. Die war McPherson, welche die Neuigkeit feierte, dass sie zum „Clear“ erklärt worden war. Ihre Leistung wurde im September 1995 mit einer Zeremonie im Fort Harrison gefeiert. Mitte November war sie wieder zurück im Hotel und brabbelte ihre Aufpasser an. Introspection rundown Als Rathbun erfuhr, dass McPherson gestorben war, interviewte er die fünfzehn bis zwanzig Scientologen, welche sie gepflegt hatten. „Es fühlte sich an, als ob man ein Katastrophengebiet betreten würde“, sagt er. „Sie sahen alle kaputt aus. Ihnen fehlte der Schlaf. Einige hatten von Lisas Schlägen Kratzer und Prellungen davon getragen. Alle waren sie emotional durcheinander, weil es sich jeder Einzelne selbst zuschrieb, dass etwas schief gegangen war.“ Für diese Gefühle hatten sie gute Gründe, sagt Rathbun. „Die ganze Sache war falsch. Ich kann euch nur nicht genau sagen, welche Form von Verbrechen“ dass in der Scientology-Terminologie war. Die Aufpasser hatten McPherson einem „Introspection Rundown“ unterzogen, einer Prozedur, die einst vom Scientology-Gründer L. Ron Hubbard entworfen wurde. Das Ziel ist es, eine psychotisch erkrankte Person zu isolieren und dann soweit zu beruhigen, bis sie geaudited werden kann. Sie so in einer ruhigen Umgebung gehalten werden, wo sie niemand treffen kann, der die mentalen Bilder, welche sie eventuell aufregen würden, „wieder-stimulieren“ könnte. Praktisch gingen, so Rathbun, Angestellte in McPhersons Raum ein und aus, ebenso Sicherheitskräfte, die ihre Walkie-Talkies nutzten. Ein Angestellter schrie in einer Ecke, während andere McPherson festhielten und versuchten, ihr Medikamente zu verabreichen und sie zu ernähren. Statt sich zu beruhigen, wurde McPherson während ihres 17-täglichen Aufenthalt immer erregter und selbstzerstörischer. Rathbun gibt an, dass er mehreren Introspection Rundowns beigewohnt hat, und keiner mehr als ein oder zwei Tage gedauert hätte. Er sagt, dass es für ihn offensichtlich war, dass McPherson ein Opfer von „out-tech“ – dem Scientology-Wort für Fehlverhalten – geworden war. Rathbun hatte ein weiteres Problem: Kartuzinski, die zuständige Aufseherin, und Johnson, die medizinische Offizierin, hatten die Polizei von Clearwater belogen. Sie hatten behauptet, dass McPherson keinen Introspection Rundown erhalten hätte und dass während ihres Aufenthalts nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. „Damit hatte ich es also zu tun“, berichtet Rathbun. „Ich hatte zwei falsch eidesstattliche Erklärungen gegenüber Vertretern des Gesetzes“ zusätzlich zu der schlechten Behandlung McPhersons durch Scientologen. Es war so ein „großer Haufen Scheiße“, sagt er, dass sein erster Instinkt war, etwas zu tun, was vollständig außerhalb seines normalen Verhaltens lag. „Damals wünschte ich wirklich und ernsthaft, dass ich in der Position sein würde, in der ich einfach meinem Herzen folgen könnte“, sagt er heute. „Mein Herz sagte mir damals, im Dezember 1995, direkt zum Staatsanwalt zu gehen und zu sagen, »Es ist ein schrecklicher Vorfall passiert... Wir wollen die Verantwortung dafür übernehmen.“ Aber das war dem Handbuch nach nicht möglich. Die rund zwei Jahrzehnte, die er inmitten der Scientologyumgebung verbracht hatte, lehrte ihm etwas anders: Wenn du belagert wirst, schließt du die Reihen und gibst niemals einen Fehler zu. Er berichtet, dass er einen internen Report geschrieben hätte, welcher darauf hinauslief, dass zwar Vorschriften der „Kirche“ verletzt worden wären, diese Fehler aber nichts mit McPhersons Tod zu tun hätten. Er packte den Report in eine Büromappe und behandelte ihn, wie er es Jahre zuvor gelernt hatte, als er als zwanzigjähriger Neuling Hubbards Korrespondenz bearbeitet hatte. Er schnitt die Ecken mit einem Rasiermesser auf, umschloss die Mappe mit Klebeband und schmolz das Klebeband kurz an, so das niemand die Mappe würde öffnen können, ohne sie zu zerreißen. So ging die Mappe zur Basis der „Kirche“ in Kalifornien. Ein Jahr lang erschien in der Presse nicht ein Wort über den Tod von McPherson. Aber Mitte Dezember 1996 sickerten Einzelheiten der Untersuchung durch die Clearwater Police an die Presse durch. Ein Autopsiebericht von Joan Wood, einer Sachverständigen des Bezirks Pinellas-Pacso, besagte, dass McPherson an einem Blutgerinnsel in ihrem linken Lungenflügel gestorben war, was durch „Bettlägerigkeit und schwere Dehydrierung“ herbeigeführt wurde. Rathbun organisierte daraufhin die Reaktion gegenüber der Öffentlichkeit, welche – wie er jetzt klarstellt – mit einer Lüge begann. Sprecher der „Kirche“ behaupteten, dass McPherson zum Ausspannen ins Fort Harrison Hotel gekommen wäre. Sie sagten, dass McPherson kommen und gehen konnte, wie es ihr beliebte. Das sie einen Introspection Rundown erhalten hätte, wurde bestritten. McPherson wäre „plötzlich krank geworden“ und, so die Vertreter der „Kirche“, wäre an den Entscheidungen über ihre Pflege beteiligt gewesen. Ihr Tod sei ein bedauernswerter Unfall, der nicht damit zu tun hätte, was Scientology tat. Die bezirkliche Beauftragte Wood äußerte sich und meinte, dass die Autopsie den Darstellungen der „Kirche“ widersprechen würde. Die erfahrende medizinische Gutachterin sagte, dass es bei McPhersons Tod nicht plötzliches oder unfallhaftes gegeben hätte. Ihr Gesundheitszustand hatte sich zehn Tage lang immer mehr verschlechtert und mit hoher Wahrscheinlichkeit war sie am Ende bewusstlos geworden. Die „Kirche“ verklagte Wood, um Zugang zu deren Akten zu erlangen. Eine Anwalt von Scientology nannte sie: „Lügnerin. Lügnerin. Lügnerin. Lügnerin. Lügnerin. Hasserfüllte Lügnerin.“ McPhersons Familie verklagte die „Kirche“ wegen ihres Todes. Und die Staatsanwaltschaft des Bezirks Pinellas-Pasco untersuchte den Fall, um Anklage erheben zu können. Vernichtung von belastendem Material Zu Beginn des Jahres 1997, als die Untersuchungen noch liefen, traf sich Rathbun mit Angestellten der „Kirche“ in deren Büros in Hollywood, Kalifornien. Sie frisierten die täglichen Aufzeichnungen, welche die Aufpasser McPhersons während deren 17 Tage im Fort Harrison Hotel angefertigt hatten. Drei Einträge machten ihm besonders zu schaffen. Einer enthielt eine seltsame sexuelle Anspielung, die McPherson gemacht hatte. Ein weiterer enthüllte, dass niemand daran dachte, den Spiegel aus dem Raum einer psychisch zusammengebrochen Frau, die versuchte, sich selber zu verletzen, zu entfernen. Der dritte Eintrag enthielt die Meinung eines Aufpassers, dass die Situation außer Kontrolle geraten sei und das McPherson zu einem Arzt müsste. Rathbun beschloss, dass diese Notizen verschwinden müssten. „Ich sagte, »Verliert sie« und ging aus dem Raum“, erinnert er sich und ergänzt, dass die Entscheidung, sie zu vernichten, seine eigene war. „Niemand sagte mir, dass ich es tun sollte, das tat ich selbst“, sagt er. „Die Wahrheit ist einfach die Wahrheit und hier und jetzt lege ich mein Geständnis ab. Und ich glaube, dass ist etwas, was die Kirche mehr verletzt, als Menschen, die versuchen von ihr eine Entschädigung zu erhalten.“ „Aber ich weiß, was das bedeutet und dass er unter Umständen als Verbrechen verfolgt werden kann.“ In einem früheren Interview gab Staatsanwalt Bernie McCabe an, dass klar war, das bestimmte Dokumente fehlen würden, weil die „Kirche“ Aufzeichnungen für jeden Tag von McPhersons Aufenthalt übergeben hätte, außer für die letzten beiden Tage bevor sie starb. Das die „Kirche“ versuchte, etwas zu verbergen, heizte nur McCabes Vermutung an, dass etwas Schlimmes passiert war. Rathbun heute zu verfolgen, sie nicht mehr möglich, weil die Verjährungsfrist für die Zerstörung von belastendem Material drei Jahre beträgt sagt McCabe heute. „Wir sind miteinander fertig.“ Mehr Stress Am 13. November 1998 verklagte McCabes Büro die Niederlassung der „Kirche“ in Clearwater wegen zweier Vergehen: unterlassende Hilfeleistung und das medizinische Praktizieren ohne erforderliche Lizenz. Die „Kirche“ musste sich nun auf Gerichtsverfahren und unangenehmen Zeugenaussagen vor Strafgerichten und vor Zivilgerichten vorbereiten. Miscavige beauftragte Rathbun und den Sprecher der „Kirche“, Mike Rinder, mit den Anwälten und Reportern fertig zu werden. Aber der Führer der „Kirche“ behielt die Zügel in der Hand und arbeitete daran, aus dem Hintergrund die Sicht von Scientology zu verbreiten. Rathbun erzählt nun, dass Miscavge oft neben ihm und Rinder saß, wenn sie Telefoninterviews gaben, ihnen vorgab, was sie zu sagen hätten und wild gestikulierte, wenn er dachte, dass sie etwas falsch gemacht hätten. Eine der wichtigsten Fragen war, ob Miscavige bei der Klage der Familie von McPherson als Angeklagter belangt werden konnte. Anwälte der Kirche argumentierten, dass er nicht zur Liste der Angeklagten hinzugefügt werden sollte, weil er nur für die spirituellen Fragen zuständig sei. Die Familie hielt dagegen, dass Miscavige „die vollkommene Kontrolle“ hätte und „Scientology bis ins letzte Glied managen“ würde. Im Dezember 1999 entschied ein Richter in Tampa, dass Miscavige als Angeklagter benannt werden könnte. Für den Führer der „Kirche“ sei dies, so Rathbun, „der Punkt, an dem er umschaltete“, gewesen. „Das war offenbar die schlimmstmöglich Sache, dass er eventuell von seinem Posten verschwinden müsste und sein Ruf mit dieser Untersuchung in Zusammenhang gebracht wurde. Von diesem Zeitpunkt an wurde er zunehmend feindselig, gewalttätig und irrational.“ William C. Walsh, ein Anwalt aus Washington, D.C., welcher Scientology seit langem vertritt, meint, dass dieser Bericht weit hergeholt ist. „Jemand, den ich gut kenne ist David Miscavige, ich kenne ihn seit Dezember 1999 und schon lange vorher“, sagt Walsh. „Und ich bemerkte keine einzige Veränderung seiner Persönlichkeit, als er in diesem Fall zum Angeklagten wurde. Er wurde nicht feindseliger. Er wurde nicht gewalttätiger. Und er wurde niemals unvernünftig.“ Yingling ergänzt: „Er war nicht glücklich darüber, angeklagt zu werden. Das ist wahr. Aber er nahm es mit Fassung, wie auch alles andere, was in diesem Fall geschah.“ Rinder und Rathbun erinnern sich an einen Nachmittag im dem dritten Stock eines kleinen Bürogebäudes, von wo aus die nördliche Fort Harrison Avenue zu überblicken ist, an dem Miscavige Rinder angriff. Sie berichten, dass der Anführer Rinder mit Obzönitäten beschimpfte, ihn ergriff, und – während er dessen Haarschopf festhielt – diesen den Hals umdrehte und ihn dann auf den Boden warf. Dieser Angriff, so Rinder, war der schmerzhafteste unter den Dutzenden, die er insgesamt hinnahm. „Ich erinnere mich, dass mein Hals verdreht war und ich für rund 30 Minuten nicht sprechen konnte, weil mein Kehlkopf gegen die Rückseite meines Hals gedrückt worden war“, berichtet er. Rinder berichtet, dass er während des Angriffs Gedanken hatte, die ihm schon bekannt waren: Was habe ich getan, um das hervorzurufen? Wenn Miscavige jemand niedermacht oder, schlimmer noch, körperlich züchtigt, „beginnt man zu versuchen, herauszukriegen, was man ihm angetan hat“, berichtet Rinder. „Und das ist der Deal mit diesen Schlägen. Was habe ich getan, dass mir das jetzt passiert?“ Bereite mehr vor, als nötig. Und greife unablässig an Ähnlich wie beim Vorgehen von Scientology gegen die US-amerikanische Steuerbehörde, nutzte die „Kirche“ jede Möglichkeit, sich gegen die Anklagen im McPherson-Fall zu verteidigen. Scientology gab mehrere Millionen Dollar aus und die Anwälte der „Kirche“ sandten tausende Seiten medizinischer Studien und Sachverständigenberichte ein, die besagten, dass die Betreuung von McPherson nicht für ihren Tod verantwortlich sein könnte. Der Fall brach zusammen, nachdem Wood, die medizinische Sachverständige, unerwartet ihre Schlussfolgerungen im Bezug auf McPhersons Tod änderte. Hieß es zuvor, die Ursachen wären „unbekannt“, änderte sie dies im Februar 2000 in „Unfall“. Die Staatsanwaltschaft ließ die Klagen vier Monate später mit Bezug auf Woods widersprüchlicher Interpretation der Beweislage fallen. Verschwörungstheoretiker vermuteten, dass die „Kirche“ auf irgendeine Weise an Wood herangekommen wären. Rathbun bestreitet dies. Er sagt, dass die Sachverständige ihre Schlussfolgerung aufgrund des Drucks der wissenschaftlichen Informationen „kirchlicher“ Experten geändert hätte. „Es gab bei ihr keine Erpressung“, sagt Rathbun. „Es gab keine Geheimdienstaktion. Es war alles nur Beweisführung. Ich schwöre.“ Wood, die wir zu hause erreichten, lehnte einen Kommentar ab. McCabe sagt, dass nach seinem Eindruck diese Beweisführung und die Expertenmeinungen Wood zweifeln ließen. „Eine Sache, die man bemerkt, wenn man mit ihnen (den Scientologen) zu tun hat, ist, dass sie hartnäckig sind“; sagt er. „Und bei ihr waren sie sehr hartnäckig.“ Im Mai 2004, vier Jahre nachdem die Anklagen der Staatsanwaltschaft fallen gelassen waren, kam die „Kirche“ mit McPhersons Familie zu einer Übereinkunft, um auch diese Klagen zu beenden. Die genaue Vereinbarung ist geheim. In einer Ansprache vor der International Association of Scientologists, erklärte Miscavige den Sieg über die staatlichen Organe, über die Presse und andere, welche versucht hätten, McPhersons Tod zu benutzen, um die „Kirche“ zu Boden zu zwingen. Er sagte, die Verbindung hinter den Angriffen würden von der deutschen Regierung, die grundsätzlich gegen Scientology wäre bis zur Clearwater Police reichen, welche die „Kirche“ seit zwei Jahrzehnten beobachten würde. „Sie suchten einfach etwas, um uns packen zu können“, erzählte er der Menge. „Wir wussten die ganze Zeit, dass wir gewinnen würden.“ Mit einem Zitat von Hubbard listete er die Qualitäten auf, welche Scientology helfen würden, sich zu halten. „Ständige Wachsamkeit und der beständige Wille, zurückzuschlagen.“ Gewonnen, aber doch verloren Obwohl Scientology letztlich an der juristischen Front gewann, war der McPherson-Fall doch ein Rückschlag für die Anstrengung der „Kirche“, sich ein freundliches, alltägliches Image zu geben. Unter anderem kamen folgend Einzelheiten ans Licht: In den letzten fünf Jahren hatte McPherson mindestens 176.700 Dollar [rund 125.000 Euro] für Leistungen von Scientology bezahlt und weitere 5.773 Dollar [rund 4.000 Euro] bei der „Kirche“ eingezahlt. Als sie starb hatte sie auf ihrem eigenen Konto elf Dollar [rund acht Euro]. Der Fall fachte im Bezug auf Scientology und deren Praktiken die Leidenschaften wieder an und brachte nach Jahren relativer Ruhe wieder Protest für und gegen die „Kirche“ auf die Straßen von Clearwater. Einige Menschen bezahlten einen Preis. Minkoff, der Scientology-Arzt, welcher den Tod von McPherson festgestellt hatte, wurde vom Staat Florida diszipliniert. Ohne McPherson getroffen zu haben, hatte er für sie Rezepte ausgestellt, als sie im Fort Harrison untergebracht war. Kartuzinski, die Vorgesetzte bei der Betreuung McPhersons, wurde für mehrere Jahre zur Arbeit in der Waschküche der „Kirche“ verbannt. Die Anhänger von Scientology wurden angehalten, tiefer in ihre Taschen zu fassen. Die Niederlassung der „Kirche“ in Clearwater, Flag Service Organization, machte damals, so die Auskunft von Rathbun und anderen, pro Woche zwischen 1,5 und zwei Millionen Dollar Umsatz, was Scientology profitabler erscheinen ließ, als jemals zuvor. Miscavige hatte entschieden, das Flag die exorbitanten juristische Kosten des McPherson-Falls zu tragen hätte. Rathbun sagt, dass deshalb die Verkäufer in der „Kirche“ die Anhänger dazu drängten, mehr Auditing und andere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. „Es war eine Frage von »Die Dinge vorwärtsbringen, die Leute ranholen«“, sagt er. „Die brachten damals sehr viel Geld herein.“ Eine andere Gruppe bezahlte auf eine andere Weise. Laut Rathbun und anderen, ehemals hochrangigen Aussteigern, wurde Miscavige gewalttätiger und unberechenbarer, je länger der McPherson-Fall andauerte. Rathbun sagt: „Ab dem Jahr 2000 verschlechterte sich die Situation, wenn man unter David Miscavige arbeitete, zunehmend.“ Last edited by becker; 07-03-2009 at 09:33 AM.. Reason: formating |
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Re: Übersetzung: The Truth Rundown in Deutsch
Scientology: innerkirchlische Rechtssprechung, Teil 3 von 3 eines Sonderreports über die „Scientology-Kirche“
von Thomas C. Tobin und Joe Childs, St. Petersburg Times Gedruckt: Dienstag, 23. Juni 2009 [Englisches Original: Scientology: Ecclesiastical justice, Part 3 of 3 in a special report on the Church of Scientology - St. Petersburg Times] Die vier hochrangigen Führungskräfte, welche Scientology verlassen haben, sagen heute, dass der Führer der „Kirche“, David Miscavige, nicht nur sein Führungspersonal körperlich angegriffen hätte, sondern auch deren Psyche angreifen würde. Des Öfteren ließ er Gruppen von Managern in einen Pool oder einen See springen. Er beorderte sie zu Gruppengeständnissen, die teilweise darin endeten, dass jeder jeden angriff, inklusive Personen, die sich schlugen. Mike Rinder, der die „Kirche“ über zwei Jahrzehnte gegenüber der Kirche verteidigte, konnte nicht mehr vertragen, was innerhalb dieser vor sich ging. Diese Taktiken, Führungskräfte auf Linie zu halten „sind [auch] aus einem Scientology-Blickwinkel falsch“, sagt Rinder, der vor zwei Jahren ausstieg. „Das ist keine Standardmethode in Scientology. Diese Methoden sind einfach nicht human. Sie sind vielmehr ausgesprochen böse.“ Sprecher der Kirche bestätigen, dass Manager zum Sprung ins Wasser genötigt und zu Gruppengeständnissen beordert werden. Dies sei Teil des Systems „kirchlicher Rechtssprechung“, welche die „Kirche“ für diejenigen vorsehe, welche schwache Leistungen erbringen würden. Rinder und die anderen Aussteiger hätten sich, so die Meinung der „Kirche“, nicht in die Sea Organziation von Scientology einleben können, einer Gruppe, die ihr Leben dem Dienst für die Kirche untergeordnet hat. Anstatt ihre eigenen Fehler zu akzeptieren, würden sie ein ganz normale Sache zu etwas Schrecklichem erklären. Die Sea Org sei eine „Gruppe harter Kerle“, sagt der Sprecher der „Kirche“, Tommy Davis, selber mit achtzehn Mitgliedersjahren ein Veteran diese Gruppe. „Die Sea Org ist keine Demokratie. Deren Mitglieder stimmen alle vollständig einem Mann namens L. Ron Hubbard zu. Sie folgen dessen Vorschriften... und sie folgen ihnen bis zum Ende, bis zum letzten Buchstaben und bis zur Interpunktion. Und wenn du mit diesen Vorschriften nicht übereinstimmst oder das nicht magst, bist du halt falsch. Dann musst du die Organisation verlassen.“ Ein besserer Thetan Die Anordnung kam gegen zehn Uhr abends, im Winter: Appell am Swimmingpool. Aus der gesamten, herrlich gelegenen Basis der „Kirche“ in den Bergen östlich von Los Angeles kamen rund 70 Mitglieder in ihren Pseudo-Navy-Uniformen angelaufen. David Miscavige war wieder einmal unglücklich mit seiner Truppe. Die Bestrafung, welche sich der Anführer vorstellte, war nicht neu für die Sea Org Mitglieder. Hubbard, der Gründer der „Kirche“, ließ Sea Org Mitglieder schon in den 1970er Jahren ins Wasser werfen („overboarded“), als er Scientology von einem Schiff namens Apollo aus leitete. Miscavige ließ die Angestellten sich in ihren Uniformen in einer Reihe am Sprungbrett aufstellen und dann einen nach dem anderen in den Pool springen. Jedes Mal, bevor eine Person sprang, rief sie Norman Starkey, einst der Kapitän der Apollo, auf, spirituell zu besseren Wesen zu werden. Er zitierte einen traditionellen Sea Org Spruch: Wir übergeben deine Sünden und Fehler dem tiefen Wasser und vertrauen darauf, dass du als besserer Thetan aufsteigen wirst. Miscavige befahl der Gruppe in ihren nassen Sachen in ein Büro zu gehen und dort so lange zu bleiben, bis sie selber herausgefunden hätten, was sie falsch gemacht hatten. Tom De Vocht sagt, dass er sich nicht erinnern kann, was Miscavige in dieser frostigen Nacht, Anfang 2005, verärgert hatte. Aber erinnert sich sehr wohl an die Zweifel, die in seinem Geist aufstiegen, als er dort nass und zitternd saß. Was mache ich hier? De Vocht war der „Kirche“ mit seiner Mutter beigetreten, als er gerade zehn Jahre alt war und stieg zu einem Topverantwortliche im spirituellen Hauptquartier von Scientology in Clearwater, Florida auf. Aber in den Monaten nach dem Massenbaden erkannte er die Organisation nicht mehr wieder. Ebenso wie Rinder, der in dieser Nacht mit De Vocht in den Pool gesprungen war. Zwei andere hatten sich schon von ihren Zweifeln leiten lassen. Marty Rathbun, einer der langjährigen Top-Offiziere, hatte die Kirche 2004 verlassen. Amy Scobee, die über die Jahre verschiedene hohe Posten besetzt hatte, trat 2005 aus. Alle der vier Aussteiger, die sich nun das erste Mal öffentlich äußern, hatten jeweils mehr als 25 Jahre in der Sea Org gedient. „Richtig, falsch oder unentschieden zwischen beiden Polen, ich fühlte damals, dass ich zu etwas Guten für die gesamte Menschheit beitrug“, sagt De Vocht, der 2005 austrat. „Aber je länger in dabei war, umso verrückter wurde es als David die Führung übernahm.“ Normal vs. abartig Beichten ist eine elementarer Teil der Kultur in Scientology. Berichte alle deine schlechten Gedanken und Übertretungen und du wirst dich frei, fröhlich und sorglos fühlen. Die vier Aussteiger berichten, dass Miscavige diese Praxis auf ein neues Level gehoben hätte. Sie sagen, dass er so oft Gruppenbeichten einberufen hätte, dass sie als „Seancen“ bekannt wurden. Die Führungskräfte beichteten Sünden, die sie gegen Miscavige begangen hätten, legten ihre schlechten Gedanken über Scientology offen und eröffneten persönliche Dinge, inklusive ihrer sexuellen Phantasien. Wenn jemand keine Übertretung einfiel, drängten ihn die anderen, irgendetwas zu gestehen. Irgendetwas. „Und Dave sitzt dabei, hört sich das alles an und findet daran Vergnügen“, sagt De Vocht, der sich an eine Sitzung erinnert, in der er persönlich sah, wie Miscavige erst Marc Yager, einen leitenden Manager, schlug und zu Boden warf und dann Faith Schermerhorn heran rief, eine Verwaltungsangestellte im mittleren Management, die Schwarz ist. „Er sagte dann »Sieh an, (Yager) denkt, alle Schwarzen seien Neger und er möchte nicht, dass Scientology Schwarzen hilft. Los, tritt ihn.« Also lag (Yager) auf dem Boden während er von ihr getreten wurde“, berichtet De Vocht. „Jeder in diesem scheiß Raum – die Menschen wurden dort verrückt und gerieten außer Kontrolle“, sagt er. „Ich schlug jemand. Jeder wurde geschlagen. Und es wurde Geschrien und Beschimpft. Es ist einfach ständig so: Was zur Hölle passiert hier?“ Die „Kirche“ legte der St. Petersburg Times eidesstattliche Erklärungen von Yager und Schermerhorn vor, in der bestritten wird, dass es diese Vorfall gegeben hätte. Yager betont in seiner Erklärung, dass er keine Vorurteile hätte und das Schermerhorn eine Freundin sei. Schermerhorn schrieb, dass sie niemals gehört hätte, dass Miscavige das N-Wort benutzt hätte. „Um genau zu sein, weiß ich, dass Mr. Miscavige derjenige in Scientology ist, welcher am meisten für Schwarze Menschen getan hat.“ Rinder berichtet, dass eine Gruppenbeichte Anfang 2004 für ihn herausstach, weil Rathbun, sein langjähriger Feind, ihn schließlich angriff. „Man steht dort in einem Raum mit 50 Menschen, die Rufen und Schreien: Was hast du getan? Und du hast dies getan und das getan. Und ich stand dort und sagte, »Nein, habe ich nicht.«“, sagt Rinder. Die Gruppe tat sich gegen ihn zusammen. Er musste irgendetwas vorbringen: Komm. Mach schon. Irgendwas. Und als ich dann nichts sagte, sprang mich Marty an“, erzählt Rinder. „Und das ist psychotisch. Es gibt dafür eine Scientology-Bezeichung. Es heißt Kontamination mit einer Anomalie [Contagion of Aberration]. ...“ „Wenn man eine Gruppe von Personen beisammen hat, werden die sich gegenseitig dabei stimulieren, verrückte Dinge zu tun.“ Davis, welcher die Position Rinders als Sprecher der „Kirche“ übernommen hat, meint, dass der Begriff „Seance“ in Scientology nicht benutzt wird und das Miscavige niemals Gewalt fördern würde. Aber es sei nicht überraschend, dass Rathbun Rinder angegriffen hätte, sagt Davis, weil Rathbun die ganze Zeit über andere Manager körperlich angegriffen hätte. Rinder meint, dass dieser unangenehme Moment ein Beispiel für die zerstörerische Atmosphäre in der Basis von Scientology nahe Los Angeles gewesen sei. „Es gibt dort den Drang, Menschen gegeneinander auszuspielen. Und man weiß das dort und sieht es sehr wohl“, antwortet Rinder. Rathbuns Angriff „war nicht etwas durch Hass auf mich motiviert, sondern geschah aus einem Überlebenswillen heraus.“ Davis zitiert eine Regel des Gründers Hubbard, welche Mitglieder aufruft, sich zu stellen und „die Dinge zu klären“, wenn sie etwas getan hätten, dass die Gruppe gefährden könnte. Dies sei ein Kennzeichen einer erfolgreichen Organisation. „Das ist nicht dazu da, jemand zu strafen“, sagt Davis, „und es wird bestimmt niemals aus dem Grund angewandt, jemand dazu zu bringen, sich schuldig zu fühlen.“ Die „Kirche“ behauptet, dass Rathbun und De Vocht sich so unangemessen verhalten hätten – sie hätten Angestellte zu hart angefasst –, dass es notwendig wurde, dass sie sich öffentlich bekannten. „Sie waren eindeutig schuldig, schuldig die Konvention der Gruppe verletzt zu haben“, sagt nun die Sprecherin Jessica Feshbach. „Und wurden sie dabei von ihrem Mitarbeitern konfrontiert und befragt, was los ist? Selbstverständlich. Und zwar, weil dies die Verantwortung der Gruppe ist.“ Die Gruppe fallen zu lassen, kann zum „Überbordgehen“ führen, sagt die Sprecherin. Dies sei ein Sea Org Ritual, ähnlich wie die Traditionen anderer religiöser Orden. Starkey, der 66-jährige ehemalige Kapitän der Apollo, sagt, dass in seinen 50 Jahre in Scientology reichlich viele Menschen „Überbordgingen“. Wenn ein Sea Org Mitglied Scheiße gebaut hatte, „warf man ihm über die gottverdammte Reling des Schiffes“, berichtet Starkey. „Er fällt ins Wasser, schwimmt um das Schiff herum, klettert die Leiter hinauf, kommt wieder auf dem Schiff an, geht wieder an seinen Posten zurück. Und er tut es nie wieder. Er wusste dann, dass dies die Art war, in der wir agierten. So ist die Sea Organization nun mal.“ Die Anwältin der „Kirche“, Monique Yingling, sagt, dass das „Überbordgehen“ Teil der kirchlichen Rechtssprechung sei. „Sie [die Verurteilten] verweigern dies nicht und sind auch nicht beschämt,“ sagt sie. Das wäre schon mehrere hundert Mal passiert und es würde Vorsorge getroffen, um diesen Vorgang sicher zu machen. Bezogen auf das Beispiel, an welches sich De Vocht und Rinder erinnern würden, sagt die Sprecherin der „Kirche“, dass der Pool beheizt gewesen wäre, Handtücher bereit gelegen hätten und ein Rettungsschwimmer bereit gestanden hätte. Und Miscavige sei nicht mal dabei gewesen. De Vocht und Rinder behaupten, dass er da war. „Er stand dort und lachte“, sagt Rinder. „Das war für ihn sehr unterhaltsam.“ Rinder kann sich an keine Handtücher erinnern, weder in dieser Nacht noch in den ungefähr zehn anderen Nächten, in denen große Gruppen von Angestellten zum Fluss eskortiert und angewiesen wurden, in voller Kleidung hinein zu springen. Er widerspricht der Darstellung Yinglings, dass das „Überbordgehen“ großer Gruppen akzeptierte Praxis der „Kirche“ sei. Er behauptet, dass dies nur als individuell eingesetztes Mittel gedacht sei. So wie der Sprecher der „Kirche“, Davis, es als Strafe für einen Untergeordneten angewandt hat. „Dies war ein Typ, der immer und immer wieder abhaute, Fehler machte und geringe Leistung zeigte“, berichtet er. „Es war meine Aufgabe, die ethischen Standards der Sea Org zu schützen. Und ja, fraglos, ich habe den Typen ins Wasser geschmissen.“ Wenn die Aussteiger solche Strafen nicht hätten ertragen können, hätten sie, so Davis, schon Jahre früher gegen können. „Die gottverdammte Tür war nicht verschlossen. Wenn sie also ein Problem mit dem Umgang in Scientology gehabt hätten, hätten sie einfach fortgehen können.“ Intensiv und zupackend Die Aussteiger wären nicht nur weich, sie seien zudem nicht in der Lage gewesen, das beschleunigte Arbeitstempo, welches Miscavige etabliert hätte, mitzumachen, sagt die „Kirche“. Rathbun hätte so viele Aufgaben vermasselt, unter anderem dem Umgang mit den Klagen wegen McPhersons Tod, dass Miscavige gezwungen war, einzugreifen und ihn von anderen Pflichten zu entbinden, behaupten die Sprecher der „Kirche“. Nachdem Rathbun gegangen war, hätte Miscavige sich auf neue Wachstumspläne konzentrieren können: „2004 war der Zeitpunkt eines grundsätzlichen Wechsels, der Punkt, an dem sich alles veränderte“, sagt Davis. „Mr. Miscavige war nun in der Lage, dass zu tun, was er schon immer geplant hatte.“ Davis spielte eine DVD mit Scientology-Werbespots, die im Kabelfernsehen laufen, vor. Er hob vor allem ein multimillionen Dollar teures, internationales Expansionsprogramm hervor, dass darauf abzielt, „Ideal Orgs“ zu bauen, jede mit Seminarräumen, in denen den Uneingeweihten Scientology erklärt werden könne, Einrichtungen für lokale Werbegruppen und Räume für das Auditing, dem Kernstück der Beratung in Scientology. Die „Kirche“ erneuerte ihre Webseite, verbesserte die Bücher, welche die Grundlage von Scientology darstellen und restaurierten körnig gewordene Filme von Hubbards Vorträgen. All dies sei in den letzten vier Jahren erreicht worden, alles angeführt, geplant, designed und erstellt von Miscavige. Der Sprecher beschreibt Miscavige als Führer, der zupackt, der bei Videoediting hilft, Manuskripte Korrektur ließt, der hilft, Texte zu schreiben, der ganze Nächte auf bleibt, um jede einzelne von Hubbards 3.000 Vorlesungen zu hören und der eine Konstruktionsbüro aufbaut, um die 66 neuen Gebäude, welche die „Kirche“ seit 2004 neu erworben hat, auszustatten. Miscavige sei intensiv, sagt der Sprecher der „Kirche“, aber er würde niemals erniedrigend, plump oder gewalttätig handeln und niemals die Vorschriften der „Kirche“ verändern. Die „Kirche“ brachte mehrere Dutzend internationale Manager nach Clearwater, nur um mit der Times zu reden. Diese berichteten alle, dass sie seit Jahren mit Miscavige zusammen arbeiten würden und sprachen von dessen Liebenswürdigkeit und Mitgefühl. Sie bestritten allesamt die Vorwürfe der Aussteiger, dass Miscavige sie geschlagen hätte. „Das sind einfach Lügen“, sagt Ray Mithoff mit bebender Stimme. „Ich kenne den Man seit 27 Jahren.“ Mark Ingber, seit 1968 Sea Org Mitglied, sagt: „In meinem ganzen Leben wurde ich nicht einmal geschlagen. Mr. Miscavige ist mein Freund.“ Der Beste und der Schlechteste In der Nacht vor Weihnachten 1997 rief Miscaviges Frau, Michelle, bei Rathbun und bei Rinder an. Der Anführer wünschte sie zu sprechen. Sofort. Aus verschiedenen Teilen des Komplexes in Kalifornien joggten zu seiner Unterkunft. Sie berichten, dass Miscavige in einem Bademantel aus der Tür gerannt kam, ohne ein Wort Rinder am Hals packte, ihn schlug, schüttelte und gegen einen Baum drückte. Rinder landete im Efeu, mit einer schmutzigen Uniform und blutenden Lippen. Miscavige führte die beiden dann in die Offizierslounge, goss Rinder einen Scotch ein und meinte, dass er sich danach besser fühlen würde. Der Führer von Scientology drehte sich um und verschwand in seinen Räumen. Die Menschen würden zusammen zucken, wenn Miscavige vorbei kam, berichtet De Vocht. „So alltäglich war das alles“, sagt er. „Er stellte es so dar, als wären alle hinter ihm her. Alles was jemand anders anfasste, wurde vermasselt und dann müsste er es selbst tun. Er vertraute niemandem.“ Scobee beschreibt, wie sie in einer Kabine an der Wand eines großen Konferenzraumes arbeitete. Miscavige saß allein an einem Tisch, von wo er zahlreiche Angestellte überblicken konnte, inklusive Jeff Hawkins. „Ich achtete nicht besonders darauf und auf einmal sah ist, wie David Miscavige am Kopf des Tisches aufspringt – also dem Tisch im Konferenzraum“, berichtet Scobee. Er sprang Hawkins an, sagt sie, und beide landeten vor ihren Füßen. Miscavige „stand über ihm, würgte und schlug ihn und riss an dessen Schlips. Knöpfe flogen und Kleingeld fiel aus Jeffs Hosentasche. Und ich saß da und dachte, »Oh mein Gott!«“ Über diesen Vorfall hat Hawkins seit 2002 öffentlich gesprochen und geschrieben. David Bloomberg, eine Führungskraft der „Kirche“, erzählt eine ziemlich andere Geschichte. Bloomberg erzählt, dass er an diesem Tag neben Hawkin saß und dieser zunehmend streitsüchtig wurde. Hawkins sei schließlich aus seinem Stuhl aufgesprungen und hätte sich in Miscaviges Bein verbissen. „Mr. Miscavige hat Jeff Hawkins nicht angefasst“, betont Bloomberg. Im besten Falle würde Miscavige seine Angestellten inspirieren, sagt Rathbun und erinnert sich, wie der Führer einen Text, den Hubbard in den 80er Jahren geschrieben hatte, anführte: Das Schicksal des Planeten würde auf den Schultern „einiger Weniger“ lasten. Miscavige nutzte diesen Text, um einen Sinn für die gemeinsame Mission zu erzeugen und dazu beizutragen, dass sich jemand als etwas Besonderes fühlte, erzählt Rathbun. „Er machte, dass du dich wirklich Wichtig fühltest. Und das war der Grund, warum du für ihn Sachen machtest.“ Aber die Aussteiger berichten auch, dass Miscaviges Hang dazu, Pläne zu ändern, in kleinteilige Managementaufgaben einzugreifen und Befehlsketten zu unterlaufen das Managementteam vollständig gelähmt hätten und das mögliche Wachstum zumindest in den Jahren, bevor sie Scientology verließen, erstickte. Rathbun berichtet, dass Miscavige, um den Gewinn zu steigern, alte Scientologybücher und Dienstleistungen neu verpackt und den Anhängern als neue Produkte und must-haves verkauft hätte. Er verwies auf die neue Kampagne, die versucht den Mitgliedern neue Versionen der „Basics“ zu verkaufen, einer Sammlung von Hubbards Büchern, welche die Grundlage von Scientology darstellen würden. 2007 erzählte Miscavige den Scientologen, dass die Bücher, welche sie über Jahrzehnte gekauft und studiert hatten, mangelhaft wären, dass in ihnen ganze Seiten fehlen würden, dass sie überholt wären oder zum Teil von den Herausgebern umgeschrieben wurden. Aus diesem Grund sei es auch kein Wunder gewesen, schloss der Anführer, dass sich Menschen darüber beschwert hatten, die Basics nicht verstehen zu können. Deshalb hätte die „Kirche“ die Bände verbessert und würde sie neu verkaufen. Rathbun berichtet: „Er sagt das (den Anhängern) genau so direkt ins Gesicht: »Du warst nicht in de Lage, auch nur den kleinsten Teil über Scientology zu verstehen, weil das einfach unmöglich war, einfach weil die Bücher unbrauchbar waren.«“ Die Sammlung aus 18 Bänden wird nun für 450 Dollar [rund 320 Euro] verkauft, wobei der Preis 1986 noch 738 Dollar betrug [rund 525 Euro]. Davis, der Sprecher der „Kirche“, beschreibt die überarbeitete Sammlung als sensationelle Entwicklung, als historische Wiederentdeckung des Werks Hubbards, vergleichbar mit den Fund der biblischen Schriftrollen von Qumran am Toten Meer. Yingling, die Anwältin der „Kirche“, ergänzt: „Sie wurden von der Scientology-Öffentlichkeit mit großer Freude angenommen.“ Rathbun, De Vocht und Scobee berichten, dass sie Zugang zu den wöchentlichen Datenreporten hatten, die einen allmählichen Rückgang der grundlegenden Statistiken zeigten, inklusive des Werte der verkauften Dienstleistungen der „Kirche“, der Anzahl der Auditingstunden und der bestandenen Kurse. „Das sind die Statistiken, die als Wichtigste angesehen werden“, sagte Rathbun. „Und die gehen alle runter.“ De Vocht beschreibt die Entscheidungsfindungsprozesse von Miscavige als unberechenbar. Der Anführer würde oft Entwicklungen einfach ändern, was zu Situationen wie dem multimillionen-Dollar teuren „Super Power“ Gebäude im Zentrum von Clearwater führen würde. Die kolossale Struktur, deren Außenseite schon längst fertiggestellt ist, wird seit sechs Jahren nicht mehr weiter gebaut. Nach einer mehrfachen Änderung des Design, sollen die Arbeiten an der Innenausstattung in diesem Monat angeblich wieder beginnen. Davis und Yingling feiern hingegen die weltweite Expansion von Scientology. In den letzten fünf Jahren hätte die „Kirche“ 80 Grundstücke erworben, drei neue „Kirchen“ – genannt Orgs – wären in diesem Jahr eröffnet worden und fünf weitere würden bis Ende des Jahres fertig werden. Is this the real life? Sie nannten es das Loch. Für Monate war ein kleines Gebäude in der Scientology-Basis in Kalifornien für dreißig der höchstrangigen Offiziere der Sea Org eine Art Gefängnis. Sie durfte das Gebäude einmal am Tag zum Duschen verlassen, ansonsten mussten sie in diesem Haus bleiben. Das Essen wurde ihnen gebracht. Sie schliefen auf dem Boden, die Männer neben dem Konferenztisch, die Frauen in den Arbeitskabinen und den kleine Büros um den Konferenzraum herum. Miscavige berief zu absurden Zeiten Meetings ein, zwei Uhr Morgens, vier Uhr. Tag für Tag kämpften sich die erschöpften Führungskräfte durch die Managementstruktur und das Preissystem der Dienstleistungen der „Kirche“ und versuchten herauszufinden, was ihr Anführer von ihnen wollte. Er lehnte ihre Ideen ab, verwünschte sie, erklärte sie zu „Suppressive Persons“, welche die „Kirche“ in Gefahr bringen würden. Er verlangte, dass sie an ihre Arbeit zurück gingen und teilte ihnen mit, dass sie erst gehen dürften, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hätten. Manchmal entließ Miscavige jemand aus dem Loch oder warf jemand anders hinein. Rinder berichtet, dass er von Anfang an dabei war. Im Januar 2004 fügte Miscavige De Vocht zu dieser Gruppe hinzu. „Alle waren um den Tisch versammelt. Er warf mit Sachen, schrie Personen an, schlug sie“, erinnert sich De Vocht. „Lasst mich das so sagen: es war eine abgedrehte Szenerie.“ Im gleichen Monat trug Miscavige eine wichtigen Namen zum Personal des Lochs hinzu: Marty Rathbun. Der Anführer sagte den anderen, sie sollten nicht auf ein Wort, dass Rathbun sagte, hören. Ihm wäre nicht zu trauen: Ich weiß, ihr habt ganzen Jahre über gelernt, diesen Typen zu respektieren, aber er ist der Typ, der mich am meisten fertig macht. Einige Tage später, so berichtet Rathbun, hätte Miscavige seinen Kopf an die Wand geschlagen und heftig auf das linke Ohr geschlagen, weil er nicht hart genug zum restlichen Personal gewesen sei. Er schloss daraus, dass es das wäre, was Miscavige von ihm im Loch wollte. Das Gebäude bestand aus kleinen Büros und einem Konferenzraum und war hinter zwei großen Trailern versteckt. Wenn Miscavige den Flur entlang ging, produzierte der Hohlraum einen klatschenden Sound. Vier Tage nach der Ankunft von Rathbun signalisierte der blechernde Sound die Ankunft Miscaviges, wie immer von seiner Frau begleitet, die Notizen machte und einem Assistenten mit einem Rekorder, der alles aufnahm, was der Anführer zu sagen hatte, damit es transkribiert und in der Basis verteilt werden konnte. Miscavige verkündete, dass sie eine Runde „Reise nach Jerusalem“ spielen würden, um herauszufinden, wer sich von ihnen am meisten seiner Aufgabe verpflichtet hätte. Alle, außer der Gewinner, würden auf weit entfernte Scientology-Außenposten versetzt werden. Einige der Angestellten weinten bei der Vorstellung, von ihren Familien getrennt zu werden. Andere machten sich bereit, stellten die Stühle um den neun Meter langen Konferenztisch aus Ahornholz auf. Miscavige benutzte einen Rekorder, um Bohemian Rhapsody von Queen zu spielen. Is this the real life? Is this just fantasy? Caught in a landslide No escape from reality Als die Musik stoppte, stießen sich die Sea Org Mitglieder von den Stühlen, rempelten sich an. Zwei der Männer kämpften so hart, dass ein Stuhl unter ihnen zerbrach. Den Verlierern wurde mitgeteilt, wohin sie geschickt würden. Ehepartner merkten, dass sie tausende von Kilometern entfernt eingesetzt würden. Rinder berichtet, dass Miscavige sich über einen Ehemann lustig machte, der sich um seine in Tränen aufgelöste Frau sorgte. „Oh ja“, sagt Rinder. „Das war alles ein lustiges Spiel.“ Wieder behaupteten die Vertreter der „Kirche“, dass die Aussteiger etwas Normales so aussehen lassen würden, als sei es krankhaft. Miscavige hätte nur versucht, einen Argument rüber zu bringen, indem er eine Anweisung von Hubbard visualisierte, welche besagen würde, dass ständige Personalwechsel wie ein Spiel „Reise nach Jerusalem“ wären und eine Gruppe schaden könnte. Miscavige hätte nur gewollt, dass die Gruppe verstünde, wie zerstörerisch so etwas wirken kann. Yingling behauptet, dass Miscavige eine Zeit lang nicht in der Basis gewesen sei und bei seiner Rückkehr herausfand, dass Rathbun hunderte Angestellte einfach umgesetzt hätte. „Und das war der Grund, warum es nicht voran ging“, sagt sie. Rathbun und Rinder sagen genau das Gegenteil: Nichts wäre fertig geworden, weil Miscavige die Topmanager von ihren Posten entfernt und ins Loch gesperrt hätte. Rathbun berichtet weiter, dass er von Miscavige gerade deshalb niedergemacht wurde, weil er nicht genügend Leute umgesetzt hätte. Vom späten Abend bis zu den frühen Morgenstunden des nächsten Tages sei dieses Spiel gegangen, manchmal unterbrochen durch Vorhaltungen des Anführers über die Inkompetenz der Gruppe. „Es war wie Apocalypse Now“, sagte Rathbun. „Es war bizarr.“ Das Spiel endete, als zwei Frauen um den letzten Stuhl kämpften. „Das war eindeutig ein richtiger Kampf, sie rangen miteinander“, erinnert sich Rathbun. „Und dann ging (Miscavige) mit den Worten, »Okay, gut. Wir sehen uns dann verdammt nochmal Morgen.«“ Seine Drohungen, massenhafte Umsetzungen vorzunehmen, machte Miscavige niemals wahr. Einmal zu viel verprügelt In der nächsten Nacht ließ Miscavige seine Führungskräfte vom Loch zu einem Gebäude rennen, in dem Angestellte CDs mit frühen Vorlesungen von Hubbard produzierten. Noch als die Gruppe wegen des 350 Meter Laufs nach Luft schnappte, begann Miscavige De Vocht nieder zu machen, welcher die Rennovation des Gebäudes geleitet hatte. Er schlug De Vocht, warf ihn auf den Boden und begann ihn zu würgen. De Vocht erinnert sich nicht mehr, warum er angegriffen wurde. Vielleicht hatte er bei einer Antwort gezögert. Vielleicht hatte er in einer Art geschaut, die dem Führer nicht gefiel. Was auch immer der Grund war, er akzeptierte sein Prügel in einer unterwürfigen Weise. Miscavige wurde nur noch wütender, wenn jemand Schmerz zeigte oder sich widersetzte, berichten die Aussteiger. „Du sitzt wirklich dort und denkst daran, dass du diesen Typen nicht schlagen wirst“, sagt De Vocht. „Es passiert so plötzlich, was willst du also tun? Und selbst wenn du dich wehren willst, wie viele Menschen sind da um dich herum, die dann auf dich einschlagen würden? Du verstehst, dass dieser Ort alle Menschen so fanatisch unterwürfig macht, dass es einem Angst macht.“ Scobee sagt, dass die Führungskräfte in den kalifornischen Basis eingesperrt seien. Sie wagen es nicht, über Miscaviges Verhalten zu sprechen, weil sie Angst haben, dass könnte in den „Sicherheitschecks“ genannten Beichtrunden herauskommen. Jemand, der schlecht über Miscavige reden würden, sagt Scobee, würde das vielleicht während seiner Beichte zurückhalten, aber jemand anders würde das dann fraglos berichten. „Also willst du gar nichts gegen ihn unternehmen“, sagt sie. „Das war keine denkbare Alternative, so unglaublich das scheint. Jetzt, nachdem ich ausgestiegen bin, würde ich ganz anders vorgehen.“ Für die Mitglieder der Sea Org ist der persönliche Kampf noch schwerer. „Du unterwirfst dein Leben der »Kirche« und glaubst, dass das dein Weg in die Freiheit ist“, berichtet Scobee. „Das ist ein großes Ding... und das willst du nicht einfach so wegwerfen. Das willst du einfach nicht riskieren.“ Warum nicht einfach gehen? Das ist einfach zu erklären, wenn man Rinder folgt. Scientology predigt Selbstverantwortung. Du allein kontrollierst deine Umgebung, deine Lebenssituation ist nur von dir abhängig und von niemand anders. Aber noch wichtiger ist, dass Scientology behauptet, dass mit dir, wenn du die „Kirche“ verlässt, etwas falsch ist. Irgendwo in deiner Vergangenheit muss es dann einen „Overt“, eine Übertretung, gegeben haben. „Das wird zu einem großen Widerspruch“, sagt Rinder. In einer unglücklich Situation zu verbleiben ist kein Weg, um deine Umwelt zu kontrollieren. „Aber wenn ich gehe, tue ich auch etwas Falsches. Das wird zur Zwickmühle.“ Für Rinder hat sich Scientology, von etwas, dass er es kannte und liebte, zu etwas entwickelt, dass ihm fremd war. Es entwickelte sich ein zunehmend merkwürdiges und ausbeuterisches Klima. Das war auch im Widerspruch zum freundlichen, zuvorkommende Bild, dass die „Kirche“ seit über zwanzig Jahren von sich zu verkaufen sucht. Diese Nachricht hat Rinder, der Hauptsprecher, die ganze Zeit über vermittelt: Die „Kirche“ hätte sich von den Gesetzesbrüchen und schmutzigen Tricks der 1970er Jahre entfernt und sich selbst neu erfunden. „Wir hatten einfach mit Dingen aufgehört, die ich und andere als dumm, verletzend und außerhalb der Regeln ansahen“, sagte Rinder. Außer zu hause. Er meint: „Das Ironische ist, dass das was intern getan wird, dumm, verletzend und außerhalb der Regeln ist.“ Rathbun hat über die Jahre zahllose Prügel gesehen und ausgeteilt. Aber als Miscavige in dieser Nacht nach dem „Reise nach Jerusalem“-Spiel De Vocht angriff, änderte sich Rathbuns Denken. Vier Tage früher hatte Miscavige, als er Rathbun ins Loch steckte, die anderen angewiesen, nicht mit Rathbun zu sprechen. Aber De Vocht unterlief diese Anweisung und fragte Rathbun um Hilfe bei ihrem Versuch, herauszufinden, was Miscavige von ihnen wollte. Nun wurde De Vocht verprügelt. „Ich sah, wie dies ablief und auf einmal hatte ich eine unglaublich Verbindung… diese menschliche Verbindung mit Tom [De Vocht]“, sagt Rathbun. „Es war dieser einfache Gedanke: ich konnte sehr viel ertragen, aber jetzt war es zuviel.“ „Ich hatte immer noch einen Stückchen Würde und ich sah jetzt, wie diese Würde bei den Menschen um mich herum vernichtet wurde. Was würde ich tun? Wurde ich zu einem von ihnen?“ Als der Rest der Gruppe ins Loch zurückgeführt wurde, machte Rathbun nicht mehr mit und versteckte sich in einigen Büschen. Er holte heimlich sein Motorrad, schob es zum Hinterausgang des Komplexes und versteckte sich für weitere zwanzig Minuten. Als das Tor für ein Auto geöffnet wurde, gab er Gas. Rathbun berichtet, dass er sich wütend und verloren fühlte, gemixt mit einer gewissen Spannung. „Ich war berauscht davon, dass ich diesen Schritt gewagt hatte und dreht auf, weil ich dachte, dass mir jemand folgen würde.“ Last edited by becker; 07-04-2009 at 02:16 PM.. Reason: formating |
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